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Lehmarchitektur heute (Stuttgart)

~Alfred Hottmann

Denkt man an Baustoffe in der modernen Architektur, so kommt einem Lehm wohl nicht unbedingt als Erstes in den Sinn. Zwar entstanden in den letzten Jahren immer wieder Projekte, die exemplarisch aufzeigen, wie ein zeitgemäßer Umgang mit Lehm aussehen kann – beispielsweise das »Kräuterzentrum« in Laufen von Herzog & de Meuron (s. db 11/2014, S. 30) –, wirklich etabliert hat sich Lehm in unseren Breitengraden allerdings nach wie vor nicht. Dabei handelt es sich um einen der ältesten und am meisten verbreiteten Baustoffe überhaupt. In ihm steckt – aufgrund seiner unmittelbaren Verfügbarkeit an den meisten Orten der Welt und seiner bauphysikalischen Eigenschaften – großes Potenzial für nachhaltiges Bauen. Nicht zuletzt deshalb präsentiert das Institut für Auslandsbeziehungen in Stuttgart die Wanderausstellung derzeit in seiner Galerie.

Als Einstimmung erwartet den Besucher das Ergebnis eines Workshops mit Studierenden der Universität Stuttgart. Verschiedene Materialproben von Lehmsorten sowie möglichen Zuschlägen, darunter Kies, Stroh und Sand, sind in Rein- und Mischformen aufbereitet und können vor Ort befühlt, ertastet und miteinander verglichen werden. Bereits hier wird deutlich, dass Lehm nicht gleich Lehm ist, sondern dass je nach Mischverhältnis mit
anderen Stoffen, Verarbeitung und Herkunft große Unterschiede bestehen.

Eine Übersicht auf detailreich illustrierten Plakaten gibt Aufschluss über die unterschiedlichen Bautechniken, die sich mit Lehm realisieren lassen. So beispielsweise auch der »Wellerbau«, bei dem handgroße Lehmballen aufeinandergeschichtet werden und dann ausgehärtet im Verbund eine massive Wand bilden.

Bei den ebenfalls in der Ausstellung vorgestellten 40 Architekturprojekten handelt es sich um die Finalisten des »TERRA Awards«, der im Jahr 2015 unter der Leitung der Architektin und Kuratorin der Ausstellung, Dominique Gauzin-Müller, ausgelobt wurde. Auf hängenden Tafeln werden Projekte aus aller Welt – aus unterschiedlichen Nutzungskategorien und zumeist nicht älter als zehn Jahre – ausführlich präsentiert. Auf einen Blick ist dabei ablesbar, welche der in der Ausstellung beschriebenen Bautechniken zur Anwendung kam. Besonders anregend hierbei sind einige Neuinterpretationen traditioneller Bautechniken: So wird z. B. bei einem Wohnhaus in Chile Stahl als Verbundwerkstoff für den
Lehm genutzt.

Für das Verständnis einzelner Bauprozesse wäre das ein oder andere bewegte Bild hilfreich gewesen. Abgesehen davon zeigt die Ausstellung das reiche Spektrum an gestalterischen und konstruktiven Möglichkeiten auf, die der Baustoff Lehm bietet. In Zeiten von Ressourcenknappheit, Klimawandel und Wohnungsnot eröffnen sich so auch praktikable und inspirierende Perspektiven für das Bauen von morgen.

Bis 6. Januar. Lehmarchitektur heute. Ein traditioneller Werkstoff für die Zukunft. Ifa-Galerie Stuttgart, Charlottenplatz 17, 70173 Stuttgart, Di-So 12-18 Uhr, Publikation: Dominique Gauzin-Müller, Deutsch/Englisch/Französisch,
32 Euro. www.ifa.de