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Foto: Moritz Bernoully

In norwegischen Landschaften. Hunting high and low – bis 19.1.2020

Die Frankfurter Buchmesse mit einer Ausstellung über das jeweilige Ehrengast-Land
im DAM zu begleiten, ist seit Jahren eine exzellente Gelegenheit, über den jeweiligen Tellerrand der Disziplinen Buch und Architektur hinauszublicken und die Besucher der einen in die andere Schau hinüberzuziehen. Mit einem langen Büchertisch zum Auftakt nimmt das Medium Buch hier, in der Ausstellung über norwegische Architektur, verhältnismäßig viel Raum ein – immerhin beruht die Auswahl der gezeigten Projekte auf der Buchreihe »asBuilt« des Pax Forlag von Bjørn Smith-Simonsen, die Dokumentationen über Projekte von relevanten zeitgenössischen Architekturbüros sowie wegweisende Klassiker wie die Villa Schreiner von Sverre Fehn umfasst. Seit 2010 sind hier nicht weniger als 21 Bände zu 23 Projekten erschienen: vom Wochenendhaus auf einem Felsen im Meer (Knut Hjeltnes) und einem über drei Jahrhunderte umgebauten Bauernhof (Are Vesterlid/Knut Wold) über winzige Übernachtungshäuschen für Angehörige von Patienten von zwei Krankenhäusern mitten im Wald (Snøhetta) bis zur Architekturhochschule AHO in Oslo (Jarmund/Vigsnæs). Eine mutige Entscheidung und eine rasante Durchführung angesichts der fast unglaublichen Fülle an Material, das in den Bänden zusammengefasst ist. Jedes Projekt wird mit sämtlichen (!) Zeichnungen der Architekten von der Handskizze bis zum Ausführungsdetail dokumentiert, ergänzt durch zahlreiche Fotografien, einer Projektbeschreibung und dem Essay eines norwegischen oder internationalen Architekturkritikers.

Dass diese Bände auf diesem einen Tisch so kompakt und übersichtlich zusammengeführt sind, ermöglicht eine schlanke, luftige Darstellung der Projekte im ziemlich knapp bemessenen Ausstellungsraum rund ums »Haus im Haus« im DAM. Zusätzlich zum Buch wird jedes Gebäude über ein weiteres Medium präsentiert, seien es ein Modell, ausgewählte Fotos oder Zeichnungen – oder ein Film. Gerade dieses Medium hilft beim Verständnis für die norwegische Architektur, die so sehr vom Licht, von der Materialität und Blickbeziehungen im Haus lebt, aber genauso von der Verknüpfung des Gebäudes mit der Landschaft: durch Ausblicke von innen und die zumeist bewusst unspektakuläre Einbettung in die Topografie. Auf diese Art, Architektur bescheiden in die Umwelt einzufügen, bezieht sich übrigens »hunting low« aus dem Untertitel der Ausstellung; »hunting high« beleuchtet im Gegensatz dazu den dynamischen Wandel, der sich in der Hauptstadt Oslo mit dem Stadtteil Bjørvika rund um die Oper von Snøhetta vollzieht. Welche Opfer dieser Wandel fordern kann, haben die Aussteller
mit einem zusätzlichen Film thematisiert: Über den »Y-blokk«, ein Y-förmiges Regierungsgebäude von 1969 (Erling Viksjø) mit zwei Wandkunstwerken von Picasso, gibt es kein Buch in der asBuilt-Reihe, doch gehen gegen dessen geplanten Abriss seit gut einem Jahr die sonst so privaten Norweger auf die Straße; der Film ist eine Dokumentation über das Gebäude, das den Anschlag 2011 zwar ohne größere Schäden überstanden hat, nun aber als zu wenig geschützt gegen solche Attacken gilt und deshalb ersetzt werden soll.

Die Ausstellung nutzt den ganzen Raum samt Luftraum, über den hinweg Filme zum Kraftwerk Pålsbu (Manthey Kula) und zu Leichenhalle/Krematorium Asker (Carl-Viggo Hølmebakk) projiziert werden, erstmals anscheinend. Nur im »Haus im Haus« wird es etwas eng: Drei Filme, die zugleich das Blickfeld füllen, laufen der Intention zuwider, Atmosphäre, Licht und Raum eines jeden Projekts in aller Ruhe erfahrbar zu machen; auch ist der Abstand, mit dem man die bewegten Bilder verfolgt, zu kurz. Die intime Stimmung, die dadurch in dem kleinen Raum entsteht, ist dennoch ein Anziehungspunkt. Dazu trägt auch bei, dass sich die drei Projekte über ihr Material Holz verbinden, das in Norwegen seit Jahrhunderten wegen seiner Langlebigkeit wertgeschätzt wird und auch hier auf ganz unterschiedliche Art seine Wandlungsfähigkeit und damit Modernität beweist. ~dr

Bis 19. Januar. In norwegischen Landschaften. Hunting high and low. Deutsches Architekturmuseum, Schaumainkai 43, 60596 Frankfurt a. M., Di-So 10-18, Mi bis 20 Uhr. www.dam-online.de