Ausstellung – bis 24. Februar 2020

~Roland Pawlitschko

Als sich die 24-jährige Charlotte Perriand im Jahr 1927 im Pariser Atelier von Le Corbusier um eine Stelle bewarb, soll er sie mit den Worten »Wir besticken hier keine Kissen« abgewimmelt haben, nur um schon wenig später wieder zurückzurudern. Auf dem kurz darauf stattfindenden Salon d’Automne sieht er ihre »Bar unter dem Dach« mit schlichter Möblierung ganz aus Metall, und auch von ihrem runden Stahlrohr-Drehstuhl mit feinem Lederpolster ist er begeistert. Als die Innenarchitektin daraufhin in seinem Atelier zu arbeiten beginnt, ist sie v. a. für die Möbel zuständig. »Le Corbusier erwartete von mir voller Ungeduld, dass ich den Möbeln Leben einhauche«, sagt sie später über diese Zeit.

Die Gabe, die Dinge mit Leben erfüllen zu können, prägt Perriands gesamtes Schaffen und ließ einige Werke weltberühmt werden – beispielsweise die Stahlrohrliege LC4 oder die LC2-Sessel und LC3-Sofas. Diese ikonischen Sitzmöbel gestaltete sie federführend in Le Corbusiers Atelier, das sie 1937 wieder verließ, um sich der ganzheitlichen Gestaltung, der Natur und dem Leben zu widmen. Den roten Faden ihres insgesamt gut 70-jährigen Schaffens bildet der absolute Vorrang der menschlichen Bedürfnisse, gepaart mit dem Engagement für mehr soziale Gerechtigkeit und einer unvoreingenommenen, neugierigen Offenheit für alles Neue. Aufkommende Materialien und Fertigungsmethoden waren für sie ebenso faszinierend wie fremde Kulturen und Kooperationen mit wechselnden Designern und Architekten. Die nun in Paris gezeigte Retrospektive ihres Werks ist nicht zuletzt deshalb sehenswert, weil sie diesen Aspekt in ein Ausstellungskonzept übersetzt, das die Besucher auf eine Entdeckungsreise quer durch das Haus und seine Außenbereiche schickt.

Konzipiert von den Kuratoren Jacques Barsac, Sébastien Cherruet, Gladys C. Fabre, Sébastien Gokalp und Pernette Perriand-Barsac erstreckt sich die Schau über alle elf Ausstellungsräume des von Frank Gehry geplanten Museums.
Die Besucher können sich dabei frei von einem zum nächsten Raum bewegen und erleben auf diese Weise immer wieder neue Perspektiven auf Perriands vielfältiges Werk. Die 1940 zu Beginn ihres sechsjährigen Japanaufenthalts entstandene LC4-Neuinterpretation in Bambus und die danach mit Jean Prouvé entwickelten modularen Regale sind ebenso zu sehen wie das Teehaus für die Pariser UNESCO aus dem Jahr 1993 und die mäandrierenden Bauten, die sie in den 70er-Jahren für den Skiort Les Arcs entwarf.

Die Ausstellungsbereiche zeigen großzügig angeordnete Möbelstücke, Pläne, Fotos und Modelle, darunter zahlreiche Originale. Teil der Schau sind aber auch viele ihrer Inspirationsquellen aus der Natur – wie etwa Steine, Knochen oder Treibgut, die sie bei ihren Ausflügen an die Strände der Normandie fand. Dreidimensional erlebbar werden ihre Raumideen schließlich in insgesamt sieben originalgetreuen, begehbaren Nachbauten: z. B. dem 1934 entwickelten Strandhaus, das es einer breiten Mittelschicht ermöglichen sollte, ein Wochenende am Meer zu verbringen, oder dem an eine Mondkapsel erinnernden Alpenbiwak. Letzteres entwarf sie 1938 als leichten Bausatz aus alubekleideten Holzplatten, um auf nur 14 m² Fläche bis zu acht Bergwanderer unterzubringen. Wie alle anderen Architekturen werden auch diese Projekte leider nur mit dürftigen Hintergrundinformationen präsentiert, sodass kaum nachvollziehbar ist, wie ausgeklügelt und innovativ die in ihnen enthaltenen Ideen und Details sind. Doch auch wenn es selbst dem umfassenden Ausstellungskatalog nicht gelingt, diese Defizite auszugleichen, macht die Schau eindrucksvoll zweierlei deutlich: Die 1999 mit 96 Jahren verstorbene Charlotte Perriand war von der Kraft der Einfachheit überzeugt. Und sie war ihrer Zeit voraus – in der Gestaltung von Möbeln und Häusern ebenso wie als Frau, die sich im Dienste der Menschen selbst verwirklichte und dabei die Grenzen zwischen den Disziplinen verschwimmen ließ.

Bis 24. Februar 2020. Le monde nouveau de Charlotte Perriand. Fondation Louis Vuitton, 8, avenue du Mahatma Gandhi, Bois de Boulogne, 75116 Paris, Mo, Mi, Do 11-20, Fr bis 21, Sa+So 10-20 Uhr. www.fondationlouisvuitton.fr