Zone Heimat

Altstadt im modernen Städtebau. Von Gerhard Vinken. 256 Seiten mit 171 vorw. S/W-Abb., Klappenbroschur, 39,90 Euro. Deutscher Kunstverlag, Berlin / München 2010

~Christian Holl

Es ist nicht erst in letzter Zeit eine Form der Rhetorik in den Städtebaudebatten, einzufordern, dass die Stadt als eine gegebene geschichtliche Größe akzeptiert werden müsse. Man habe ihrer historischen Konstanz dadurch die Referenz zu erweisen, dass man sie fortsetzt. Eine solche Argumentation ist sehr brüchig. Das zeigt Gerhard Vinken, Kunsthistoriker und Professor für interdisziplinäre Stadtforschung in Darmstadt, anhand der »Altstadt« – also just jenem Teil der Stadt, der uns als der authentische par excellence erscheint, der uns scheinbar unverfälscht mitteilt, was einmal Stadt gewesen ist. Unverfälscht ist die Altstadt eben nicht – gerade als vermeintliches historisches Zeugnis ist dieser Teil der Stadt eine Konstruktion der Moderne, so Vinkens überzeugend belegte These. Der Autor muss nicht die offensichtlichen Beispiele des Berliner Nicolaiviertels oder von Rothenburg ob der Tauber bemühen. Er greift auf Basel und auf Köln zurück – und zeigt an den beiden unterschiedlichen Beispielen, dass die Altstadt ein Phänomen ist, das ohne die Zumutungen, ohne die Umbrüche der Moderne nicht zu denken ist, dass sie als eine Form der kulturellen Selbstvergewisserung gelesen werden kann, die das betont und inszeniert, was man in ihr zu lesen können meinte – und dadurch erst diese Lesbarkeit herstellt. Basel war nicht durch den Krieg zerstört wie Köln, und doch wie diese durch die Bewegung des Heimatschutzes zur Altstadt stilisiert. In Köln hingegen wurde nach den Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg wiederhergestellt, was auf ein umfassendes Sanierungsprogramm unter den Nationalsozialisten zurückgeht. Also alles fauler Zauber? Das wäre wiederum auch falsch. Und zu einfach. Es gilt gerade im Umgang mit der ganzen Stadt zu verstehen: Moderne und alte Stadt ergänzen und bedingen sich gegenseitig. Die Altstadt stillt in Raumbildern und Ensembles ein Bedürfnis nach kollektiver Selbstvergewisserung, das anderswo nicht befriedigt werden kann.