Verlockungen der Architektur

Kritische Beobachtungen und Bemerkungen über Häuser und Städte, Plätze und Gärten. Von Manfred Sack. 360 Seiten mit 98 schwarzweißen Abbildungen, Broschur, Format etwa 17 x 21 cm, 31 Euro, 48 sFr. Quart Verlag, Luzern, 2003

Bücher von Manfred Sack zu besprechen ist eine undankbare Aufgabe. Zu sehr rührt deren Reiz aus der musikalischen Fügung der Worte, dem Reichtum der Assoziationen her, als dass man in der Kürze viel davon vermitteln könnte.
Natürlich haben die hier versammelten vierzehn Vorträge trotz ihres teils beträchtlichen Alters spannende Themen und sind im Tenor gültig: Über Monumentalität, Plätze in der Stadt, gebaute Musik – klingende Architekur, den Umgang mit alter Bausubstanz, das Verhältnis von Architekt und Ingenieur, Graubündens strenge Schönheiten – die chronologische Ordnung der zuvor meist unveröffentlichten Beiträge fällt kaum auf. Auch die eingestreuten Fotos des Autors zeugen (vielleicht mit Ausnahme der Schweizer Betonkästen) von keiner Trendnase, viel mehr von einer ausgeprägten Neugier, Architektur, Stadt- und Gartenbau im Alltäglichen, im Detail aufzuspüren und sie auch dem Laien verständlich zu machen. Seit 1959 verfolgte Sack als Zeit-Redakteur dieses Ziel.
Selbst wenn sich die Texte an ein gebildetes oder gar an das Fachpublikum richten, sind sie keine reine Positivauswahl, welche die Gazetten oft so langweilig erscheinen lässt. Sack zeigt verlogene Rekonstruktionen, porträtiert kritisch (Hannes Meyer), redet selbstverliebten Architekten ins Gewissen. Was vielen fehle, sei Menschenkenntnis – und breites Wissen: »Fast alle bedeutenden Gelehrten gehörten mehreren Fächern zugleich an«, zitiert Sack, selbst ein passionierter, gewissenhafter Grenzgänger. Das Buch belegt von neuem: Der feinsinnige 76-jährige ist an beidem reich – und er versteht auch in bildersüchtigen Zeiten, Lust aufs Lesen und Zuhören zu machen.
Christoph Gunßer