Tokio. Die Strasse als gelebter Raum

Von Jürgen Krusche und Frank Roost. Lehrstuhl Günther Vogt, Departement Architektur, ETH Zürich (Hrsg.). 128 Seiten, 120 Abb., Softcover, 19,90 Euro. Lars Müller Publishers, Baden 2010

~Claudia Hildner

Die japanische Hauptstadt unter der Lupe: »Tokio. Die Straße als gelebter Raum« ist eine Publikation der ETH Zürich, die im Rahmen des Projekts »Taking to the Streets« entstanden ist.
Die Straßen in Tokio werden intensiver genutzt als in vielen anderen Großstädten – meist dienen sie gleichermaßen dem Fußgänger- und dem Autoverkehr, stellen einen wichtigen Kommunikations- und Werberaum dar und werden bisweilen auch als Vorgartenersatz in Beschlag genommen. Der Titel des Buchs ist jedoch in gewisser Weise missverständlich, da der »gelebte Raum« für viele Leser ein Niederlassen, ein Verweilen nahelegen mag. Selbst wenn sich ein großer Teil des japanischen Lebens außerhalb des Zuhauses abspielt, dient die Straße aber nicht als erweiterter Wohnbereich. Auch die drei in das Buch eingestreuten Bildstrecken, die die Stadt in Spontanaufnahmen aus der Perspektive des Fußgängers zeigen, belegen zwar extremen Platzmangel und Guerilla-Marketing, auf den gelebten Raum verweist jedoch kaum etwas. Eine Art der Aneignung, wie sie der Titel nahelegt, lässt sich allenfalls in den Bereichen rund um die Bahnstationen beobachten: Diese haben Qualitäten, mit denen sie – trotz der blinkenden Neonreklame und der Hochhäuser – an kleinteilige Dorfzentren erinnern. Die platzähnlichen Aufweitungen werden bisweilen für Straßenkonzerte und politische Kundgebungen genutzt, auch Imbissbuden finden sich dort. Ansonsten halten sich die Tokioter nicht länger als nötig in den Straßen auf, es gibt kaum Restaurant- oder Cafétische im Freien und auch nur wenig Stadtmobiliar.
Auch wenn der Titel manchen auf die falsche Fährte locken mag – die inhaltliche Qualität des Buchs schmälert das nicht. Hervorgehoben sei dabei v. a. der zentrale Beitrag, die außerordentlich kluge und gründliche Stadtanalyse von Frank Roost – ein aufschlussreicher Text für all jene, die sich für die Entwicklung der japanischen Hauptstadt interessieren.