Stadt denken

Über die Praxis der Freiheit im urbanen Zeitalter. Von Florentina Hausknotz. 366 S., kartoniert, 32,80 Euro, Transcript Verlag, Bielefeld 2012

~Christian Holl

Auf eine außergewöhnlich inspirierende Art arbeitet sich Florentina Hausknotz in ihrer Dissertation am Thema Stadt ab. Wenn auch Titel und Untertitel etwas Reißerisches haben, so muss man der Arbeit doch Respekt entgegenbringen. Das Dissertationen meist eigene, oft ermüdende Abarbeiten der Grundlagen wird hier schon zu einem Mittel eines originellen und erfrischenden Zugriffs. Die Autorin knüpft ihren Stadt- und Raumbegriff weniger an gebaute Formen, sondern an Ereignisse, Diskurse und Beziehungen: Die Stadt, die sie untersuche, sei »eine der Dichte, der Kritik und sie existiert. Die Stadt ist Dichte als eine Form des Ausgeliefertseins«. Man ist nicht nur an dieser Stelle dankbar für die Deutlichkeit, mit der Sachverhalte ausgedrückt werden, die sonst im Rauschen des unverbindlichen Redens über die Stadt untergehen. Dass es »die Stadt« nicht gibt, ist Hausknotz genauso Grundlage ihrer Untersuchungen wie die Erkenntnis, dass die Stadt als Gegenstand (in diesem Fall muss man, um Missverständnisse zu vermeiden, wohl sagen: als Gegenstand des Diskurses) nicht total erfassbar sei: Es gebe keinen privilegierten Blick auf die Stadt. Anhand von drei Texten (von Max Weber, Immanuel Wallerstein und Michel Foucault) untersucht sie die Möglichkeiten, Stadt als eine Form zu denken, die Handlung und Wissensgewinn konstituiert oder fordert. In ihrer Analyse sieht die Autorin die These bestätigt, dass es keinen privilegierten Blick auf die Stadt gebe, dass der Begriff von Stadt aber jeweils im Sprechen über sie darauf zurückwirkt, welche Optionen im Umgang mit ihr überhaupt in Erwägung gezogen werden. Anhand dreier Fallstudien über die Autobombe, den Boxclub und eine Kreuzung in Lagos werden die Möglichkeiten und die Gefährdung der Aneignung aufgezeigt. Die Fallstudien erscheinen in Relation zu den gewählten Texten des ersten Teils etwas exotisch. Hier wird der Text am Ende in dem Sinne akademisch, als er auf eine eigene Erfahrung verzichtet, Erfahrung, die zu machen oft gerade die Autoren motiviert hat, auf die sich Hausknotz bezieht. Und am Ende leidet das Buch darunter, dass sich die Autorin zu sehr im Schreiben über Geschriebenes gefällt. Das ist schade, denn anders wäre das vorgetragene Plädoyer überzeugender: Stadt, wie sie in diesen Überlegungen verdichtet wird, könne es nur geben, »wenn immer mehr Menschen den Mut finden, ihrer Umgebung gewaltfrei zu begegnen«.