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Sigrid Neubert

Architekturfotografie der Nachkriegsmoderne. Von Frank Seehausen. 336 S., 570 Abb. und Pläne, Leinen, 45 Euro, Hirmer Verlag, München 2018

~Bernhard Schulz

Fremdartig steht ein Etwas in der Landschaft, weniger ein Bauwerk als ein Objekt: Es handelt sich um eine Parabolantenne der Erdfunkstelle Raisting, die damals, 1964, das Nonplusultra der Technik darstellte. Sigrid Neubert hat sie fotografiert, unter dramatischem Himmel, der die Funktion dieser Anlage sinnfällig macht:
Es geht um Kommunikation durch die Atmosphäre hindurch. So hat die 1927 geborene Altmeisterin der Architekturfotografie in ihrer großen Zeit, den Wirtschaftswunderjahrzehnten der Bundesrepublik, stets die von ihrer Kamera festgehaltenen Bauten zu betonen vermocht, ohne irgendetwas an ihrem tatsächlichen Sein zu verfälschen.

Im Frühjahr zeigte das Berliner Museum für Fotografie eine eindrucksvolle Übersicht über Neuberts Lebenswerk. Was fehlte, war der Katalog. Jetzt endlich liegt er vor, nachdem Kurator Frank Seehausen, ein Perfektionist auch er, das Manuskript abgeschlossen hat.
In der Zusammenführung von Bild und Text hat der Grafiker Lars Heckel ein wunderbares Buch geschaffen, das die Ästhetik der Zeit bewahrt: in Fotografien, deren gewollt scharfe Kontraste durch den Druck auf chamoisfarbenem Papier ein klein wenig zurückgenommen sind. So zeigen sie – auch im Vergleich mit den wenigen, eingestreuten Farbaufnahmen –, welche im wahrsten Sinn bildprägende Kraft das herbe Schwarz-Weiß haben kann.

Neubert kannte die Architekten, und die vertrauten ihr die Aufgabe an, ihre Bauten zum bleibenden Bild zu verdichten. Das gilt ganz besonders für die BMW-Hauptverwaltung
von Karl Schwanzer, deren technikorientierten Optimismus Neubert während der fünf Jahre Bauzeit ein ums andere Mal eingefangen hat.

Das Buch ist, was sein vollständiger Titel sagt: Architekturfotografie der Nachkriegsmoderne – ein Buch, das den Zeitgeist einfängt, aber zugleich über ihn hinausweist. In den Aufnahmen von Sigrid Neubert kommt das Beste zum Ausdruck, das eine Epoche, ein Abschnitt der Architekturgeschichte gewollt hat. Über die Fehler und Versäumnisse der 60er und 70er Jahre haben uns andere Fotografen aufgeklärt – Sigrid Neubert wollte, dass der Augenblick, da ein Bauwerk fertiggestellt ist und noch ganz den Ausdruck des Architekten birgt, auf Dauer bleibt. Dieses Buch mit ihren Fotografien ist selbst zum Bleiben bestimmt.