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Selman Selmanagic und das Bauhaus

Die Bauwerke und Kunstdenkmäler von Berlin. Von Aida Abadžic Hodžic. 362 S., ca. 320 farb- und S/W-Abb., Schutzumschlag, 69 Euro, Gebr. Mann Verlag, Berlin 2018

~Carsten Sauerbrei

Das Wissen über Architekten der ehemaligen DDR geht selten über Kenntnisse zu solch bekannten Persönlichkeiten wie Hermann Henselmann oder Richard Paulick hinaus. Ähnlich verhält es sich, wenn der Blick auf den Werdegang von Bauhaus-Schülern nach 1933 fällt. Ein Jahr vor dem 100-jährigen Bauhaus-Jubiläum schließt die bosniakische Professorin für Kunstgeschichte, Aida Abadžic Hodžic, nun eine dieser Forschungslücken mit der unlängst ins Deutsche übersetzten Monografie über den bosniakisch-deutschen Architekten Selman Selmanagić.

Die 362 Seiten umfassende, reich bebilderte und mit umfangreichen Fußnoten versehene Veröffentlichung Hodžics ist die erste, die sich explizit mit Leben und Werk des Architekten befasst. Akribisch beschreibt die Autorin in den ersten Kapiteln die Lebensumstände der Familie Selmanagić vor und nach dem 1. Weltkrieg. Sie schildert seine anschließende Reise nach Deutschland im Jahr 1929 und den spontanen Entschluss zur Aufnahme des Bauhaus-Studiums. Ausführlich geht Hodžic auch auf seine Studienerfahrungen, die Schwierigkeiten aufgrund fehlender Sprachkenntnisse, sowie seine intensiven Beziehungen zu Lehrern wie Paul Klee, Hannes Meyer und Ludwig Hilbersheimer ein. In die Zeit des Bauhaus-Studiums fällt 1931 die Realisierung von Selmanagićs Erstlingswerk – ein Wohnhaus auf dem Familiengut bei Zvornik. Nachdem er im August 1932 sein Diplom als 100. Absolvent erhalten hat, entscheidet er sich nach Beginn der NS-Zeit, im April 1933 Deutschland zu verlassen, um auf Studienreise zu gehen. Hodžic geht umfangreich auf Selmanagićs Aufenthalte und die damalige kulturpolitischen Verhältnisse in der Türkei und in Palästina ein. Insbesondere sein Umgang mit den örtlichen Gegebenheiten durch die Umsetzung der im Bauhaus-Studium erworbenen Architekturauffassung liest man dabei mit großem Interesse. 1939 kehrt Selmanagić auf Anregung der kommunistischen Bauhausgruppe nach Berlin zurück und beginnt im Büro Egon Eiermanns zu arbeiten. Nebenbei verteilt er Flugblätter, um Widerstand gegen das NS-Regime zu leisten. Nachdem er wegen seiner Herkunft im Büro Eiermann nach kurzer Zeit entlassen wurde, beginnt er eine Tätigkeit als Kino- und Filmarchitekt bei der UFA in Berlin und Potsdam, was ihm bis Ende des Kriegs ein Auskommen sichert. Unmittelbar nach Ende des 2. Weltkriegs wird Selmanagić in Hans Scharouns Berliner Planungskollektiv berufen und ist von 1945 bis 1950 zuständig für den Wiederaufbau von Kultur- und Erholungseinrichtungen sowie für den Denkmalschutz. 1950 wird sein größten Bauprojekts realisiert – das Berliner Stadion der Weltjugend. Die Darstellung zu seinen Architektur-Projekten nach 1945 fällt leider recht knapp aus, so auch der Abschnitt zu seinem einzigen, noch erhaltenen Gebäude, das 1954 bis 1956 entstand – die Erweiterung der Kunsthochschule im damals Ostberliner Stadtteil Weißensee. Hodžic widmet die letzten Kapitel des Buchs Selmanagićs Wirken als Leiter der Architekturabteilung der Kunsthochschule Weißensee von 1950 bis 1970 sowie seinen Konflikten mit der offiziellen DDR-Architekturpolitik der 1950er und 1960er Jahre, die in einem nicht umgesetzten Entwurf kulminieren – dem Bebauungsplan der Stadt Schwedt.

Ein flüssigerer Stil der Übersetzung und etwas enger gefasste Exkurse zu Nebenthemen hätten den Lesegenuss noch steigern können, dafür zeichnen v.a. die akribisch recherchierten, biografischen Details zum Leben Selmanagićs das Buch aus.