Rekonstruktion in Deutschland

Positionen zu einem umstrittenen Thema. Hrsg. von Michael Braum und Ursula Baus. 112 Seiten mit 80 SW-Abbildungen und 40 Zeichnungen. Kartoniert, 19,90 Euro, 32,90 sFr. Birkhäuser-Verlag, Basel, 2009

~Peter Struck

Rekonstruktionen sind so alt wie die Baukunst. Doch bei der Rekonstruktionswelle, die derzeit über Deutschland schwappt, geht es in erster Linie um die Illusion der historischen Realität – es zählt das alte Erscheinungsbild, nicht das historische Raumgefüge oder die einstige Funktion des Gebäudes. Wie beim Braunschweiger Shopping-Schloss klaffen Fassade und Innenleben, Hülle und Inhalt meist weit auseinander.
In seinem Plädoyer für einen ehrlichen Umgang mit historischer Bausubstanz schlägt Wolfgang Pehnt deshalb fünf Kriterien vor, die eine Rekonstruktion rechtfertigen: ausreichendes Planmaterial zum Originalzustand, genügend echte Bauteile im aufgehenden Mauerwerk, den authentischen Bauplatz, der zwischenzeitlich auch nicht anders bebaut worden sein sollte, sowie die Tatsache, dass sich die vorgesehene Nutzung mit dem rekonstruierten Bau vertragen sollte. Anhand dieser Liste wird schnell deutlich, dass die vielen originalen Bauteile des Braunschweiger Schlosses noch keine Rekonstruktion bedeuten.
Der kompakte Band der Bundesstiftung Baukultur taucht tief ein in die Begriffsgeschichte der Rekonstruktion und liefert das Handwerkszeug für eine differenzierte Betrachtung von Nachbildungen und Attrappen, Kopien und Kulissen. Zahlreiche Abbildungen und Pläne veranschaulichen die vielen Aspekte und Positionen der Rekonstruktionsdebatte. Das Augenmerk liegt dabei auf dem schöpferischen Umgang mit Ruinen. Als Vorbild und Anregung dienen etwa die »kritischen Rekonstruktionen« der Alten Pinakothek in München mit ihren sichtbar gelassenen Kriegswunden oder die zwischen Teilrekonstruktion und modernen Ergänzungen angesiedelte Interpretation des Prinzipalmarkts in Münster, die die städtebaulichen Dimensionen des Straßenraumes im Geist der ursprünglichen Struktur wiederherstellte.