Refugees Welcome

Konzepte für eine menschenwürdige Architektur. Jörg Friedrich, Simon Takasaki, Peter Haslinger, Oliver Thiedmann, Christoph Borchers (Hrsg.), 256 S., ca. 140 farbige Abb. und Pläne, Hardcover, 28 Euro, Jovis Verlag, Berlin 2015

~Bärbel Högner

Eine Flüchtlingsunterkunft gilt als Sonderbau mit 7 m² Wohnraum pro Bewohner. Auf die aktuelle Bedarfslage reagieren Kommunen mit meist in der Peripherie aufgestellten Containerunterkünften. Dies bietet zwar ad hoc Lösungen, doch leider solche, die Isolation statt Integration fördern. Angesichts anhaltender Migrationsströme fordern die Autoren von »Refugees Welcome« Architekten und Planer dazu auf, sich in die laufende Debatte einzuschalten sowie sozial verträgliche und menschenwürdige Wohnorte für Flüchtlinge zu gestalten.
Der Band nähert sich dem Topos der Flüchtlingsarchitektur auf vielfältige Weise an mit der Prämisse, der Willkommenskultur »räumlichen Ausdruck« zu verschaffen. Als Ausgangspunkt dienen die Entwürfe von Studenten der Leibniz-Universität Hannover, die mit den Möglichkeiten der Um- oder Zwischennutzung vorhandener städtischer Räume experimentieren: Konzeptionelle Modul-Systeme finden sich u. a. auf Parkhausdecks, schließen schmale Baulücken und transformieren ein Binnenschiff oder einen ungenutzten Güterbahnhof. Die innovativen Ideen streben dabei an allen Orten immer auch eine Balance von Privatheit und Gemeinschaft an. Das aufschlussreiche Grafik- und Kartenmaterial zu Migrationsströmen wird von theoretischen Beiträgen ergänzt. Auch die Rolle der europäischen Stadt, die ja bereits seit Jahrhunderten auf Wanderbewegungen reagiert, wird im Kontext der »Flüchtlingskrise« reflektiert – als Baugeschichte, die zu inspirieren vermag. Ganz praxisbezogen werden sowohl die bürokratischen Verordnungsvorgaben für Sonderbauten vorgestellt als auch ein künstlerisches Wohnexperiment, das die künftigen Nutzer bei der Planung miteinbezog.
Das Buch regt an, das Thema der Flüchtlingsunterkunft anders als bisher zu betrachten. Der Appell der Autoren lautet, die gesellschaftliche Veränderung als Chance für Architekten zu sehen, speziell bei Typologien kleiner Wohneinheiten im unteren Preissegment, die den Bedürfnissen der neuen Nachbarn aus aller Welt ebenso wie hiesiger urbaner Nomaden entsprächen.