Radikal Normal

Positionen zur Architektur der Stadt. Von Vittorio Magnano Lampugnani. 280 S., gebunden, 29,80 Euro, Hatje Cantz Verlag, Berlin 2015

~Christian Holl

Fast alle Aufsätze, die in diesem Buch zusammengefasst wurden, basieren auf Vorträgen oder sind nach 1990 in Zeitschriften, Büchern, Tageszeitungen veröffentlicht worden. Ihr Autor, Vittorio Magnano Lampugnani, hat sie für diese Publikation überarbeitet und um bislang unveröffentlichte Texte ergänzt, er hat sie nicht chronologisch, sondern nach inhaltlichen Kriterien in drei große Abschnitte gegliedert; allerdings ohne dass eine programmatisch kohärente Schrift daraus entstanden wäre. Unaufgeregte Moderne, Erinnerung und Nachhaltigkeit, zeitgemäßer Städtebau – unter diesen drei Schwerpunkten hat der Historiker und Architekt die Beiträge geordnet, er wendet sich nicht als Wissenschaftler an den Leser, sondern will für eine lebenswerte Stadt werben. Das tut er leidenschaftlich und mit einem beeindruckenden historischen Wissen, auf das er seine Analysen der mitteleuropäischen Stadt von heute aufbaut und von denen er wiederum zu Empfehlungen kommt. Etwa, dass man sich nicht von medienwirksamen Projekten blenden lassen solle, oder dass die Stadt umso mehr Verkehr anziehe, je mehr sie sich ihm öffne. Lampugnani rät dazu, einfach, zurückhaltend, sparsam, werthaltig zu bauen – das ist nicht überraschend; dieses Credo vertritt er seit den 90er Jahren. Aber dass die Farbe zum reinen und autonomen Entwurfsmaterial werden solle, dass es ein Missverständnis sei, sich die ganze Stadt belebt vorzustellen, bereichert und erweitert das Spektrum an Zugängen zum Entwerfen und Planen von Architektur und Stadt auf wertvolle Weise. Und so kann man auch über die ein oder andere Wiederholung hinwegsehen. Schwerer wiegt allerdings der Einwand, dass das Normale, auf das der Titel verweist, und das Einfache, für das Lampugnani so vehement eintritt, stillschweigend synonym verwendet wird – dabei sind dies doch grundlegend verschiedene Kategorien; gerade hier hätte man sich eine ergänzende Klärung gewünscht. Auch an anderer Stelle werden die Dinge mitunter etwas zu sehr vereinfacht: So befremdet es, wenn Lampugnani in einem Text von 2014 konstatiert, dass der städtische Block »Planern, Architekten« suspekt sei: Eine solche Polemik trifft in dieser Verallgemeinerung die Realität längst nicht mehr. Und so zeigen die Beiträge erst in ihrer Summe, dass sich Lampugnani zwar mutig, aber letztlich als Suchender auf dem Feld der Stadt bewegt. Es war daher eine gute Entscheidung, Beiträge an den Schluss der Aufsatzsammlung zu stellen, die gerade dies illustrieren – in denen Lampugnani eingesteht, dass jede Stadt so komplex sei, dass sie sich nicht planen lasse und in denen er feststellt, dass es für ein glückliches und gerechtes Zusammenleben der Menschen keine von der Zeit losgelösten, gültigen Vorbilder gebe.