Peter Zumthor 1985-2013

Bauten und Projekte. Thomas Durisch (Hrsg.). 856 S., zahlreiche Abb., 5 Bände im Schuber, Hardcover, 220 Euro, Scheidegger & Spiess, Zürich 2014

~Mathias Remmele

Gut 15 Jahre ist es bereits her, dass im Lars Müller Verlag die erste und bisher einzige umfassende Publikation zum Werk von Peter Zumthor erschien. Das Buch, das unter dem Titel »Peter Zumthor Häuser« immerhin acht realisierte Projekte des Meisters vorstellte und ein Markstein der jüngeren Architekturpublizistik war, ist längst vergriffen und wird heute zu horrenden Preisen gehandelt. Obwohl zwischenzeitlich im Atelier Zumthor einige weitere beachtliche Arbeiten entstanden sind, hat man auf eine vergleichbare Monografie sehr lange warten müssen. Das lag gewiss nicht an mangelndem Interesse oder an fehlender Gelegenheit – welcher Architektur-Verlag hätte nicht liebend gerne etwas über Zumthor herausgebracht? Nein, es lag vielmehr an Zumthors extrem restriktiver Veröffentlichungspolitik und an seinen fast schon zwanghaften Bemühungen, die Deutungshoheit über sein Werk zu behalten. Denn ebenso wie er beim Bauen noch das kleinste Detail plant und nie die Kontrolle aus der Hand gibt, trachtet er danach, die sein Schaffen betreffende Publizistik so weit als irgend möglich zu bestimmen. Nur von ihm ausgewählte Fotografen dürfen mit seinem Segen Bilder seiner Bauten machen und nur wenigen Autoren gewährt er die Gunst einer Audienz.
Nun aber hat der Verlag Scheidegger & Spiess die lange überfällige neue Zumthor Monografie herausgebracht. Ein Opus magnum – wie kaum anders zu erwarten war: »Peter Zumthor 1985-2013« so lautet der lakonische Titel dieser 856 S. umfassenden, relativ gleichmäßig auf fünf Bände verteilten Publikation. In chronologischer Reihenfolge werden hier 43 Arbeiten des Pritzker-Preiträgers (2009) präsentiert – ausgeführte Bauten ebenso wie nicht bzw. noch nicht realisierte Projekte. Die Bände ermöglichen ein Wiedersehen mit alten Bekannten. Etwa mit der längst ikonischen Kapelle Sogn Benedetg in Sumvitg (1988) und der genialen Erweiterung des Hauses Truog in Versam (1994) – Projekte durch die Zumthor überregionale Aufmerksamkeit erregte und zum Hoffnungsträger wurde. Oder mit Schlüsselbauten wie der Therme in Vals (1996) und dem kurze Zeit später fertiggestellten Kunsthaus Bregenz (1997), die ihn Ende der 90er Jahre in die Liga der weltweit beachteten Architektur-Großmeister katapultierten. Oder mit den jüngeren Meisterwerken: dem Kolumba Kunstmuseum in Köln (2007), das Zumthors Kompetenz als Museumsbauer bestätigt; der zeitgleich vollendeten Feldkapelle Bruder Klaus bei Wachendorf, die eindrücklich beweist, dass auch auf kleinstem Raum und mit beschränkten Mitteln architektonische Wunder bewirkt werden können; schließlich der poetische Serpentine Gallery Pavillon in London (2011), der leider temporäreren Charakter hatte.
Nicht weniger spannend sind freilich die überraschend zahlreichen Projekte, die, aus welchen Gründen auch immer, nicht realisiert werden konnten. Darunter finden sich einige Arbeiten, um die es, wie nicht allein Zumthor findet, ein Jammer ist – etwa das Sommerrestaurant auf der Insel Ufnau im Zürichsee, das Berghotel Tschlin im Engadin oder auch die so unglücklich gescheiterte Topographie des Terrors in Berlin.
Alle für die Publikation ausgewählten Werke, werden durch Entwurfsskizzen und -zeichnungen, Pläne und Fotografien (mal von den fertigen Bauten, mal von den Modellen) dokumentiert. Die sensible Komposition dieser Bilder überzeugt zumindest in gestalterischer Hinsicht. Einmal mehr erweist sich Zumthor hier als großer Ästhet. In mehr oder minder langen Texten beschreibt und kommentiert er selbst seine Projekte. Dank seiner klaren und präzisen, bisweilen auch eleganten Sprache liest man das richtig gerne und immer mit Gewinn. Es ist die Quintessence einer langen, von Höhen und Tiefen gleichermaßen geprägten Architektenkarriere. Abgerundet werden diese fünf sorgfältig gedruckten und gediegen gebundenen Bände durch ein ausführliches Werkverzeichnis, in das sogar das vor 1985 entstandene Frühwerk Eingang gefunden hat.
Insgesamt betrachtet offenbart diese Publikation, wie der Architekt selbst gesehen und begriffen werden möchte. Das ist ihre Stärke und Schwäche zugleich. Zu manchem Projekt hätte man sich mehr Informationen gewünscht und an einigen Stellen wäre auch eine Außenperspektive auf sein Schaffen durchaus interessant und erhellend. Ob er wohl noch lernt, so etwas zuzulassen?