Neue Tradition

Konzepte einer antimodernen Moderne in Deutschland von 1920 bis 1960. Kai Krauskopf, Hans-Georg Lippert, Kerstin Zaschke (Hrsg.). 360 Seiten, zahlreiche Abb., kartoniert, 39,80 Euro. Thelem, Dresden 2009

~Peter Struck

Gelten die Traditionalisten der klassischen Moderne wie Behrens oder Bonatz im Vergleich zur progressiven Avantgarde als rückständig, als letzte Repräsentanten der Romantik oder lediglich als Wegbereiter der Moderne, so arbeiten die Autoren des vor- liegenden Buchs nun die Stärken dieser antimodernen Moderne heraus – als einen eigenständigen Stil mit einer bildhaften und symbolischen, vor allem lesbaren Architektur- sprache, die versöhnlich zwischen Tradition und Moderne vermittelt. Auch dieser moderaten Moderne geht es um die Rationalisierung und Standardisierung des Bauens, um zweckorientiertes Bauen, das zum Einfachen und Wesentlichen zurückkehren möchte. Doch im Gegensatz zum Neuen Bauen, das radikal mit der Architekturgeschichte bricht, verfolgen die eher diplomatischen Traditionalisten eine kontinuierliche Reform der Architektur. Wo es dem Internationalen Stil vielfach am Orts- bezug mangelt, orientiert sich die traditionelle Moderne an regionalen Bautraditionen, deren bewährte Muster sie weiterentwickelt und für die modernen Zwecke transformiert. Bei genauer Betrachtung sind die Bauwerke dieser leisen Modernisten jedoch vergleichbar modern, ja die Bauten eines Paul Schmitt- henner konstruktiv sogar weit innovativer als diejenigen von Walter Gropius. Nur formal bewegen sie sich auf dem goldenen Mittelweg zwischen Altbewährtem und allzu Neuartigem – und erscheinen heute gerade deshalb zeit- loser als viele krampfhaft kubischen Bauten in Bauhaus-Manier. Der umfangreichen und viel-fältigen Aufsatzsammlung gelingt mit dieser Neubewertung einer domestizierten Moderne eine längst überfällige Kurskorrektur in der Architekturgeschichtsschreibung der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.