Neue Städte für Stalin und Baukunst und Nationalsozialismus

Ein deutscher Architekt in der Sowjetunion 1932–33. Von Jörn Düwel. Mit einer Neuausgabe von Rudolf Wolters, Spezialist in Sibirien (1933). 212 S., 70 Abb., Softcover, 28 Euro Demonstration von Macht in Europa 1940–43. Von Jörn Düwel und Niels Gutschow. Die Ausstellung Neue Deutsche Baukunst von Rudolf Wolters, 480 S., 270 Abb., Softcover, 28 Euro, beide DOM publishers, Berlin 2015

~Oliver G. Hamm

Zwei Neuerscheinungen im Berliner Verlag DOM publishers liefern spezielle Einblicke in die Zeit der frühen 30er Jahre sowie in die Schaltzentrale der NS-Bauplanung und -propaganda. Im Mittelpunkt beider Bücher steht der Architekt Rudolf Wolters (1903-83). Bevor er unter seinem Studienfreund Albert Speer die Planungstätigkeit und auch die baupolitische Propaganda der Nationalsozialisten wesentlich mit prägen sollte, war er im Privatatelier von Heinrich Tessenow tätig, danach fand er infolge der Weltwirtschaftskrise nur in einem Baubüro und später, unbezahlt, im Planungsbüro der Reichsbahn Arbeit. Wegen der schlechten Aussichten im Heimatland – nicht etwa aus politischer Überzeugung, wie eine Gruppe um den Frankfurter Baustadtrat Ernst May – ging er schließlich in die Sowjetunion, die im großen Stil Ingenieure und Facharbeiter aus dem Ausland anwarb. Im Frühjahr 1932 unter Vertrag genommen und nach Nowosibirsk beordert, wo er sich mit der Planung einer Siedlung und einer neuen Stadt beschäftigte, löste Wolters seinen Vertrag nach einem Jahr vorzeitig auf. Seine Erlebnisse fasste er in dem Buch »Spezialist in Sibirien« zusammen, das Ende 1933 erschien. Wolters beschrieb nicht nur sein berufliches Umfeld, vielmehr schilderte er auch zahlreiche Alltagserlebnisse, die eine große Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit in der Sowjetunion offenbarten. Einer Bewertung der gesellschaftlichen und politischen Umstände enthielt sich der Autor jedoch.
In mehrere Sprachen übersetzt und auch im Ausland ausgiebig rezensiert, erregte Wolters’ Bericht große Aufmerksamkeit. Aus der Reihe der zumeist sehr positiven Besprechungen fiel jene des ehemaligen Bauhaus-Direktors Hannes Meyer, der von 1930 bis 1936 in der Sowjetunion tätig war, für die Parteizeitung Prawda deutlich heraus. Sie endet mit der geradezu bedauernden Feststellung: »Ein Spion, der von uns nicht rechtzeitig erkannt und gestellt wurde«. Ein Spion im konterrevolutionären Sinn war Rudolf Wolters wahrlich nicht, vielmehr zeugt sein Text von seiner Unvoreingenommenheit und auch von der Sympathie für die Menschen, denen er begegnete und die, ebenso wie er, unter den Unzulänglichkeiten im sozialistischen Alltag zu leiden hatten.
Im Rahmen seines Buchs »Neue Städte für Stalin« hat Jörn Düwel eine kommentierte Faksimileausgabe von Spezialist in Sibirien herausgegeben. Das bis 1936 in drei deutschsprachigen Auflagen erschienene 108-seitige Buch hatte Wolters 1965 im Eigenverlag noch einmal publiziert und um ein Nachwort ergänzt, in dem er – der bis Mitte der 30er Jahre keine klaren politischen Vorlieben und Antipathien hatte erkennen lassen – seine Eindrücke von 1932/33 im Sinne einer nationalsozialistischen Gräuelpropaganda umdefinierte. Es ist bedauerlich, dass Düwel auf einen Abdruck des Nachworts verzichtet und sich auf ein kurzes Zitat und dessen Einordnung im Rahmen seines umfangreichen Essays zum geschichtlichen Kontext der frühen 30er Jahre beschränkt hat.
Die zweite Neuerscheinung, »Baukunst und Nationalsozialismus«, ein Gemeinschaftswerk von Jörn Düwel und Niels Gutschow, kreist um die Publikation und die Ausstellung »Neue Deutsche Baukunst« von Rudolf Wolters, mit der die Nazis einen großen Propagandafeldzug im Ausland starteten. Die Publikation erschien erstmals im Herbst 1940, die Ausstellung wurde zwischen Oktober 1940 und August 1943 an zehn Orten gezeigt: Belgrad, Sofia, Budapest, Lissabon, Kopenhagen, Madrid, Barcelona, Ankara, Istanbul und Izmir.
Wolters, der nach seiner Zeit in der Sowjetunion zunächst im Büro von Albert Speer und seit November 1933 im Hochbaubüro der Reichsbahndirektion gearbeitet hatte, trat im Frühjahr 1937 ins Büro des Generalbauinspektors für die Neugestaltung der Reichshauptstadt ein. Albert Speer, der von Hitler mit umfangreichen Befugnissen ausgestattet wurde, die weit über die Planungen für Berlin hinausgingen, versammelte dort eine Gruppe um sich, die acht Jahre lang einen weitgehend geschlossenen Block bildete. Wolters war u. a. für die Planungen der zentralen Nord-Süd-Achse Berlins zuständig, er schrieb viele Texte und wirkte als Ausstellungskommissar und Schriftleiter der eigens gegründeten Verlagsgruppe Speer. Von Dezember 1942 bis März 1944 war er Hauptabteilungsleiter Kultur innerhalb der Organisation Todt. Schließlich war er auch am Arbeitsstab Wiederaufbauplanung bombenzerstörter Städte beteiligt, der von Ende 1943 bis zum 2. Mai 1945 in Wriezen arbeitete.
Die Biografie von Wolters (leider bleibt offen, wann und wie der Architekt auf die ideologische Linie der Nationalsozialisten einschwenkte), Wortmeldungen von 1913 bis 1939 (Sehnsucht nach einer neuen Baukunst) sowie von 1933 bis 1944 (Wege zur nationalsozialistischen Architektur) und nicht zuletzt ein 200-seitiger Anhang bilden einen materialreichen Hintergrund für die akribisch beschriebene Genese der Neuen Deutschen Baukunst. So verdienstvoll der Abriss über das allmähliche Verfertigen einer NS-Baukunst beim Reden und Schreiben zweifelsohne ist, so fragwürdig ist zugleich die detaillierte Schilderung sämtlicher Akteure, Reisen und Eröffnungen im Zusammenhang mit den zehn Ausstellungsstationen. Vollends unverständlich ist, warum Wolters‘ gerade einmal achtseitiger Einleitungstext zur Neuen Deutschen Baukunst in allen zehn publizierten Sprachfassungen faksimiliert wurde, während die 79 ganzseitigen Abbildungen der ersten deutschsprachigen Ausgabe nicht reproduziert wurden. So vermag das 480-seitige Werk nur einen unvollständigen Eindruck einer wichtigen Dokumentation »offizieller« NS-Baukunst wiederzugeben.