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Neue Heimatkunde

Zwölf Aufsätze über Architektur, Leben und Wohnen. Von Burkhard Spinnen. 128 S., 12 Ill., Softcover, 28 Euro, DOM publishers 2019

»Ich leide an einer extrem übersteigerten Reizbarkeit durch Architektur«, teilt der Autor in seinem Aufsatz »Smarthome analog vernetzt« mit. Diese Symptomatik ist der Grund dafür, dass er über Architektur nachdenkt und -liest, mit Fachleuten und Bewohnern redet und sich dazu entsprechend fundiert äußert. In diesem Aufsatz etwa erklärt er, wie ihn die extreme Ausdruckslosigkeit zeitgenössischer, gemeinhin als »Bauhaus-Stil« verkaufter Architektur so umtreibt, dass er in der beschriebenen Villengegend solange Kontakte knüpft, bis er in eins der Gebäude eingeladen wird. Hier kann er sich von der These eines befreundeten Architekten überzeugen: dass es nämlich bei diesen Häusern nicht darum geht, (mit welchem Ausdruck auch immer) in Dialog mit der Umgebung zu treten, sondern ihren Bewohnern eine viel komfortablere Lebenswelt als »draußen« zu bieten. Was aber geschieht dann mit dem öffentlichen Raum? Wird er zum Schauplatz endloser Staus aufgrund von Kleintransportern, die Internet-Bestellungen ausliefern? Wird sich die Gesellschaft in zwei Klassen auseinanderdividieren: solche, die sich in ihrer eigenen Welt einbunkern, und solche, die jene mit Lebensmitteln und elektrischen Geräten beliefern? Die Antwort, als »Ultimativer Vorschlag zur Lösung des letzten Problems modernen Wohnens« anmoderiert, ist so hübsch wie überraschend und ironisch. Diese Überlegungen sind übrigens bereits vor sechs Jahren angestellt worden, dass sie mittlerweile endlich ins allgemeine Bewusstsein gelangt sind, darf aber getrost bezweifelt werden.

Der Aufsatz beruht wie die anderen 11 in diesem Buch – erschienen in der Reihe »Grundlagen« bei DOM publishers – auf einem Vortrag Burkhard Spinnens. Gehalten hat er alle auf verschiedenen Veranstaltungen des BDA Münster-Münsterland, der den Autor, Münsteraner seit über 40 Jahren, als »Sparringspartner« mit »glasklarem Blick« auf Architektur, Leben und Wohnen schätzt. Der kommentiert nicht nur ironisch und amüsant, sondern v. a. mit Herzblut unsere Lebenswelt. Fragen, die er sich stellt und von denen ausgehend er angrenzende (und auch weiter weg liegende Gefilde gedanklich erforscht), sind: Was definiert eine Stadt, Vergangenheit oder Zukunft – oder etwa die Gegenwart? Wie können Gebäude wieder in Würde und Schönheit altern? Wie entsteht und entstand Gemeinsamkeit in einer sich immer weiter fragmentierenden Gesellschaft? Saisonal passende Antwort:
am Grill. Früher jedenfalls. ~dr