Matières 6/2003

Actualité de la critique architecturale. Hrsg. vom Institut d’architecture et de la ville de l’EPF de Lausanne. Beiträge von Martin Steinmann, Bruno Reichlin, Jacques Lucan u.a., 128 Seiten, Format 21 x 27 cm, 32,50 Euro, 47,50 SFr. Presses Polytechniques et Universitaires Romandes, Lausanne, 2003

Die Ausgaben der Zeitschrift matières sind eigentlich Bücher, und diese spezielle Ausgabe zur gegenwärtigen Architekturkritik dient zudem als Dokumentation eines gleichlautenden Kolloquiums in Lausanne. Im Zentrum der (schweizer) Debatte steht die Frage, wie sich die Architekturkritik den Gebäuden »annähern« kann. Der Theoretiker und einstige archithese-Chef Martin Steinmann und der an Theorie interessierte Architekt Bruno Reichlin führen darüber seit langem einen »imaginären Dialog«, an dem sich andere beteiligen und den Jacques Lucan im Vorwort als »phänomenologischen« benennt. Dem semiotischen Gedanken, dass jedes Haus eine zeichenhafte Form ist, die es zu »lesen« gilt, wird dabei ein »präsemiotischer« affektiver Wahrnehmungsvorgang vorangestellt – umschrieben mit dem Begriff »Stimmung«, den Steinmann von Bollnows »gestimmtem Raum« aufgreift. »Stimmung« eint Betrachter und Bauwerk und weist die Grenzen der Architekturkritik, die hier nur mit »Assoziationen« arbeiten kann. Allerdings könne Kritik dann zur Poesie werden; man denkt an Rudolf Arnheim und Flirts mit Psychologie, Soziologie, Linguistik. Den zweiten Weg bezeichnet Lucan als »genealogischen«, auf dem die Bedeutung von Dingen systematisch zu fassen versucht werde. Kronzeugen sind zum Beispiel Rowe, Banham und Frampton mit ihren Interpretationen von James Stirlings Bauten für die Universität Leicester. Oder Jacques Lucan selbst, der die »Neuerungen« in Bauten von Herzog & de Meuron oder Rem Koolhaas in Relation zum irgendwie Traditionellen interpretiert. Die schweizer Debatte über Architekturkritik reicht weit hinein in die seriöse Architekturtheorie – an diesem Impuls mangelt es in Deutschland leider. ub