Materialrevolution II

Neue nachhaltige und multifunktionelle Materialien für Design und Architektur. Von Sascha Peters, 224 S., 500 farb. Abb., gebunden, 59,95 Euro, Birkhäuser, Basel 2014

~Armin Scharf

Der Strom? Ja, der kommt aus der Steckdose – Techniker lächeln gerne ob dieser immer wieder kolportierten Naivität vieler Verbraucher. Doch ähnliche Denkweisen könnte man den Protagonisten der industriellen Wachstumslehre unterstellen, die die Endlichkeit der Ressourcen dieser Welt nicht wahrnehmen wollen. Schon jetzt ist klar, dass nicht nur das Rohöl seinen Produktionspeak überschritten hat, sondern auch andere Rohstoffe wie Seltene Erden in absehbarer Zeit knapp werden.
Um diesen Kontext baut Sascha Peters nun sein zweites Materialrevolutions-Buch auf, das sich stark um den Aspekt des nachhaltigen Umgangs mit Rohstoffen dreht. So präsentiert Peters überraschend viele biobasierte und natürliche Werkstoffe, lobt die neuen Recyclingmaterialien, die per Urban Mining gewonnen werden können. Auch wenn »Nachhaltigkeit« heute zu einer unverbindlichen Worthülse mutiert ist, scheut sich der Autor nicht, genau diesen Begriff zu einem zentralen Leitbegriff seiner Material- und Verfahrenssammlung zu erheben. Dafür gebührt ihm Respekt, auch wenn ein paar Worte mehr zur eigentlichen Bedeutung von Nachhaltigkeit angebracht gewesen wären.
In acht Kapitel teilt Peters seine spannende Reise durch die Werkstoffwelt von heute und morgen – denn viele der dort präsentierten Dinge befinden sich noch im Betastadium, weit weg von der Verfügbarkeit im industriellen Maßstab. Dadurch verliert das Buch aber keineswegs an Wert, im Gegenteil: Nur wo Öffentlichkeit entsteht, geht die Entwicklung weiter. Designer und auch Architekten – die sich ebenfalls im Buch wiederfinden dürften – besetzen hierfür eine Art Schlüsselposition; stets auf der Suche nach innovativen Lösungen, können sie ihre Kunden oder Bauherren die neuen Optionen besser vermitteln als alle anderen Projektbeteiligten.
Peters Buch ist allerdings kein klassisches Nachschlagewerk, sondern wirkt eher inspirierend, indem es die Bandbreite des Machbaren oder des bald Machbaren präsentiert. Jedes Material beschreibt der Autor kurz in Bezug auf Eigenschaften, Verwendungsmöglichkeiten und Nachhaltigkeitsaspekte – dazu kommen, wo sinnvoll, Prinzipskizzen und Ablaufdiagramme. Die Verpackung der Informationen übernahm das Büro Pixelgarten, verzichtete dabei auf übertriebenes Spektakel zugunsten einer angemessenen Sachlichkeit, ohne auf frische und differenzierende grafische Elemente zu verzichten. Interessant: Die Umschlaginnenseiten dienen zugleich als Stichwortverzeichnis. Auch die verschiedenen Papierqualitäten und der Leinenrücken machen das Buch zu einem optischen wie haptischen Leckerbissen.
Durchweg eine gute Sache also? Ja, allerdings mit einer Einschränkung in Bezug auf den Nutzwert: So informativ die Darstellungen, so allein bleibt man danach. Denn leider sind keine Links oder direkten Hinweise auf die Entwickler, Anbieter, Hersteller enthalten. Allenfalls Bildnachweise oder Nebensätze geben Anhaltspunkte – wer tiefer einsteigen will, muss sich also durchbeißen. Oder er wendet sich gleich an den Autor und dessen Agentur Haute Innovation, die Beratungen rund um materialtechnische Neuerungen anbieten. Ist das Buch also ein opulentes Werbemedium? Jein – die Informationsdichte ist dafür zu wohl geraten. Andererseits: Fachbücher entstehen schon lange nicht mehr als reine Verlagsprodukte, sondern müssen von den Autoren mitfinanziert werden – per Sponsoren, die sich auch hier mit eigenen Seiten präsentieren oder per eigene Investition. Und dass sich die durch etwaige Autorenhonorare wieder hereinspielen, dürfte Utopie sein. Das aber ist ein ganz anderes Thema, das zu diskutieren extrem spannend wie auch notwendig wäre. Bis dahin gilt: Materialrevolution II ist ein tolles Buch.