Lichtkunst aus kunstlicht

Licht als Medium der Kunst im 20. und 21. Jahrhundert. Peter Weibel und Gregor Jansen (Hrsg.), deutsch/englisch. 715 Seiten mit 980 Abbildungen. Gebunden 58 Euro, 92 sFr. Hatje Cantz Verlag, Ostfildern, 2006

~Annette Menting

Wer sich angesichts des Titels an die große Ausstellung des ZKM Karlsruhe (db 4/06) erinnert und nun glaubt, einen verspäteten Ausstellungskatalog untergeschoben zu bekommen, hat sich erfreulicherweise getäuscht. Das gleichnamige Œuvre kann sich als autonomes Projekt behaupten. Spiegelnd zeigt sich der Umschlag und reflektiert die Spektralfarben, während die ersten und letzten Seiten des Buches im tiefen Schwarz gehalten sind und die Bedeutung des Lichts relativieren, denn lediglich vier bis fünf Prozent des Universums sind sichtbar. Auf den dazwischen liegenden 700 Seiten werden die Entwicklungen der Lichtkunst des gesamten 20. Jahrhunderts sowie die jüngsten Tendenzen präsentiert, vom frühen Lichtkinetismus bis zu aktuellen LED-Werken. Die Darstellung erfolgt in äußerst anspruchsvoller Weise überwiegend mit farbigen Abbildungen. Ergänzt wird der umfangreiche Bildteil durch philosophische, naturwissenschaftliche und kulturhistorische Essays, die für das Buch verfasst oder wie der Sloterdijk-Beitrag in diesem Kontext noch einmal abgedruckt wurden. Das spricht für die Intention der Herausgeber Peter Weibel und Gregor Jansen, eine Enzyklopädie der Lichtkunst zu verfassen mit entsprechendem Rückblick und Ausblick. Unter dem Titel ARS LUCIS werden ausgewählte Exponate der Ausstellung noch einmal reflektiert, wobei eine klassifizierende Gliederung erfolgt: 1. Lichtboxen, 2. Neonbilder und Lichtskulpturen,
3. Licht, Schatten, Projektionen – und nicht zuletzt 4. Fassaden und Gebäude, zu denen Konzepte von György Kepes aus den fünfziger Jahren gehören ebenso wie neuere Inszenierungen des ZKM-Raums von Jenny Holzer und Christoph Hildebrand. Der puristische Expo-Raum von Gerhard Merz steht ebenso auf dem Programm wie die dynamisch-expressive Leuchte von Zaha Hadid. Zumeist werden Fassade und Gebäude von den Künstlern als Projektions- oder Applikationsfläche genutzt – da wünscht man sich Verweise auf integrative Raumkonzepte wie die Arbeit »Light is what you see« von Brigitte Kowanz. Im Vergleich zur Ausstellung setzt die Publikation stärker auf thematische Zuordnungen, so dass neue überraschende Bezüge zwischen Konzepten der sechziger Jahre und der Gegenwart her-gestellt werden. Herausgekommen ist ein faszinierendes Lichtkunst-Standardwerk, das als zweisprachige Ausgabe zugleich internationalem Interesse entgegenkommt.