Häuser aus Beton

Vom Stampfbeton zum Großtafelbau. Hrsg. von Uta Hassler und Harwig Schmidt. 210 Seiten, zum Teil in französischer und englischer Sprache, mit 240 Abbildungen. Broschiert, 34,80 Euro, 60,20 sFr. Wasmuth Verlag, Tübingen, 2004

Ende des 19. Jahrunderts gehörte Beton zu den typischen »Surrogatmaterialien« der Baukunst des Historismus. Heute steht Beton gemeinhin für das »Industrielle«, für die sichtbare Ökonomisierung der Architektur. In achtzehn Aufsätzen zu den Themen »100 Jahre Bauen mit Beton«, »Wohnungsbaufabriken«, »Häuser der Erfinder« und »Ortbeton oder Vorfertigung« gibt das Buch einen facettenreichen Blick auf die Wirkungsgeschichte eines Materials, das das Bauwesen wie kein zweites revolutionierte. Geplant allerdings war das nicht, als der wundersame Baustoff – einerseits aus der Pisétechnik, andererseits aus den mit Zementmörtel umhüllten Drahtgefäßen Joseph Moniers stammend – sich gleichsam ergab. Zwar begrüßte die Architektur-Avantgarde in den zwanziger Jahren das Aufziehen einer industriellen Massenkultur ausdrücklich; eine gewisse Rationalisierung war für sie Mittel zum Zweck. Aber sie war im Wesentlichen darauf bedacht, dass ihre Häuser und Siedlungen so aussahen, als seien sie rationell erstellt. Kultiviert wurde damit auch ein Irrglaube, der dem Material gleichsam anhaftete: Die Industrialisierung ästhetisch zu orientieren und die Menschen auf die neue Welt im Sinne einer Formkultur einzustimmen. Wegen des viel geschmähten Bauwirtschaftsfunktionalismus der fünfziger bis siebziger Jahre haben Häuser aus Beton nach wie vor ein Imageproblem. Es ist an der Zeit, mit solchen Ressentiments aufzuräumen. Was dem Autor durchaus gelingt, indem er von technischen Fragen (Wieviel Beton ist in einem Haus?) über die Abwägung, ob eine in-situ-Konstruktion der Präfabrikation vorzuziehen sei, bis zur Serienfertigung im Wohnungsbau das Thema in seiner ganzen Breite ins Visier nimmt. Robert Kaltenbrunner