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Gebaute Geschichte

Historische Authentizität im Stadtraum. Von Christoph Bernhardt, M. Sabrow und A. Saupe (Hrsg.). 328 S., 48 Abb., broschiert, 29,90 Euro, Wallstein Verlag, Göttingen 2017

~Jürgen Tietz

Authentizität gehört zu jenen schillernden Begriffen, deren häufige Verwendung in einem dramatischen Gegensatz zur Präzision ihrer Aussagekraft steht. Was dem griechischen Wortsinn nach als »echt« oder dem lateinischen als »verbürgt« oder »zuverlässig« gilt, sagt dabei mindestens soviel über die Gegenwart aus wie über die Vergangenheit. In dem zurückhaltend illustrierten, dafür aber höchst erkenntnisreichen Buch »Gebaute Geschichte«, das die Beiträge gleich zweier Tagungen des »Leibniz-Forschungsverbunds Historische Authentizität« versammelt, widmen sich die Autoren der verbreiteten gesellschaftlichen Sehnsucht nach Ursprünglichkeit und deren Widerspiegelung im Stadtraum sowie ihrer touristischer und kulturpolitischer Besetzung. Gegliedert ist die Aufsatzsammlung in vier Abschnitte unter den Überschriften Disziplinäre Zugänge, Authentizitätskonflikte, Internationale Perspektiven, Authentizitätskonstruktionen im Geschichtstourismus. Dabei gilt: authentisch ist immer, zu klären bleibt jedoch stets die spezifische Bezugsgröße. Und so zeigen die Beiträge die soziale »Herstellung und Anerkennung von Authentizität«. Sie erweist sich dabei als eine Frage der gesellschaftlichen Akzeptanz im Rahmen der Werte- und Identitätsbildung. Das war bei der Fertigstellung des Kölner Doms im 19. Jahrhundert nicht anders als beim Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche – beides authentische bauliche Zeugnisse ihrer Zeit, die freilich dem Augenschein nach behaupten, gotisch bzw. barock zu sein. Dort gilt, was Klaus Rheidt auch über die antike Stadt konstatiert, dass authentische Geschichtszeugnisse immer dann einen unschätzbaren Wert darstellen, »wenn sie in das Narrativ der eigenen Geschichtsvorstellung passten«. Insofern erweisen sich zumindest in der westlichen Welt die Authentizitätskonflikte als stadt- und gesellschaftskonstituierend. Etwa wenn sich die Debatte um das Potsdamer Stadtschloss »als Aushandlungsprozess der historischen und architektursemantischen Bezüge innerhalb einer Stadtgesellschaft« lesen lässt und dabei in die »Kommerzialisierung des städtischen Raums« einpasst, so, die Autorin Kathrin Zöllner.

Die Verwendung des Begriffs der Authentizität ermuntert stets zu erhöhter Wachsamkeit und zur Suche nach jenem geschichtlichen Konstrukt, für dessen Legitimation er im Interesse einer spezifischen Erwartungshaltung oder eines (touristischen) Markts gerade herangezogen wird. In dieser kritischen Würdigung des schillernden Authentizitätsbegriffs liegt denn auch der besondere Wert des Buchs, dessen lohnenswerte Lektüre nicht nur sehnsuchtsgeleiteten (Re-)Konstrukteuren empfohlen sei.