Ein Schwede in Berlin

Der Architekt und Designer Alfred Grenander und die Berliner Architektur (1890–1914). Christoph Brachmann, Thomas Steigenberger (Hrsg.). 568 Seiten mit 612 Abb., gebunden, 79 Euro. Didymos-Verlag, Korb 2010

~Michael Falser

Mehrjährige Forschung und eine Tagung (2007) am Fachbereich Kunstgeschichte der TU Berlin führten zu vorliegendem Buch. In ihm wird Alfred Grenander, der bisher vor allem als Architekt der Berliner Hoch- undUntergrundbahn bekannt ist, in seiner ganzen Schaffenskraft präsentiert. Interessant ist, wie die Herausgeber u. a. mit einer zeitgenössischen Rezension Robert Breuers in »Moderne Bauformen« von 1913 Grenanders Profil illustrieren: »Architekten von der Art Grenander tun uns not«, und weiter: »Sie sind nicht genial, aber sie sind tüchtig. Sie stürmen nicht als Revolutionäre; aber sie bauen als treue Diener einer sich klärenden Kultur«. Auch wenn der in Schweden geborene Architekt und Raumkünstler Grenander (1863-1931) sicher schon alleine aufgrund seines langjährigen Aufgabenbereichs der elektrischen Schnellbahnen revolutionärer war als Breuer ihn zeichnet, aus der Sicht architekturgeschichtlicher Forschung gilt es sich in seinem Fall eben nicht mit einer selbstinszenierten und allzu griffigen Avantgarde-Persönlichkeit auseinanderzusetzen, als vielmehr mit einem handwerklich überragenden, aber stillen Protagonisten der »Generation 1860« in der Schwellenzeit zwischen Historismus und Klassischer Moderne. Neben Beiträgen der Herausgeber fokussieren auch die weiteren 19 Aufsätze vieler namhafter Autoren auf eine detailgenaue Einordnung des kompletten Werks, diskutieren internationale Wechselbeziehungen (Skandinavien, Frankreich, England) und verorten Grenander in der Berliner Zeitgeschichte, nicht zuletzt als einflussreichen Architekturlehrer an der Berliner Kunstgewerbeschule. Neben einem umfassenden Literaturverzeichnis gilt es hier noch das Werksverzeichnis hervorzuheben, das Villen, Industrie- und Bahnbauten sowie Innenraumgestaltungen, aber auch Überraschungen wie Kioskbauten, Werbegraphik, Grabsteine, Beschläge, U-Bahnwagen und sogar Nahverkehrs- und Reisebusse zu Tage fördert. Dieses Buch verdient es ohne Zweifel aufgrund seiner vielfältigen Anknüpfungspunkte in den Reigen der verbindlichen Standardliteratur zur Berliner Architekturgeschichte jener Zeit aufgenommen zu werden.