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Die Hängenden Gärten von Babylon

Vom Weltwunder zur grünen Architektur. Von Stefan Schweizer, mit einem Beitrag von Frank Maier-Solgk. 240 S., mit zahlreichen z. T. farbigen Abbildungen, 28 Euro, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2020

Der Kunsthistoriker und Leiter des Museums für Gartenkunst im Schloss Benrath, Stefan Schweizer, widmet sich mit viel Detailkenntnis und Fingerspitzengefühl für die Vermittlung von Geschichte und historische Überlieferungen einem der sieben antiken Weltwunder. Unter einem hängenden Garten ist qua Definition ein »Garten auf bewohnbarer Substruktion« zu verstehen, wobei entscheidend ist, »dass es sich dabei nicht um eine einfache Terrasse handelt, sondern um eine unterbaute und bepflanzte« – mit humosem Substrat.

Nach der anfänglichen Begriffsklärung versteht es Stefan Schweizer, seine Leser für die Hängenden Gärten und deren sagenumwobene Erschafferin einzunehmen. Semiramis wird in der Überlieferung u. a. als durchsetzungsstarke, kluge, schöne Königin der Assyrer, Gründerin von Babylon sowie Bauherrin der Hängenden Gärten beschrieben; die entschlossene Persönlichkeit findet sich im Buch in zahlreichen Abbildungen von Gemälden u. a. als eine der Neun Heldinnen (zu denen etwa auch die Amazonenkönigin Penthesilea zählt) wieder.

Schweizer nimmt uns mit auf eine Reise durch die kulturgeschichtlichen Epochen und zeigt anhand der verschiedenen Überlieferungen, wie sich jede Zeit ihr eigenes Bild von dieser besonderen Form der Gartenkunst machte. Von der Renaissance bis zur Gegenwart deuten zahlreiche Anlagen auf deren Einfluss hin, wie etwa die am Palazzo Piccolomini in Pienza, in der Kleinen Eremitage in Sankt Petersburg oder die Dachgärten Le Corbusiers.

Im Buch werden Rekonstruktionsfantasien in Bezug auf die Gärten ausgebreitet, die mit Robert Koldeweys archäologischer Wiederentdeckung Babylons um 1900 ihren Höhepunkt erreichen. Die populäre Verwendung des Themas von Karl Friedrich Schinkel findet sich in Dioramen aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ebenso wie ein eindrucksvolles, koloriertes Blatt von Gottfried Semper (um 1860) mit den Hängenden Gärten im Querschnitt: sechs abwechslungsreich mit Sträuchern und hohen Bäumen bepflanzte Terrassenebenen, die sich zu Wohnräumen vertiefen.

Schweizer hat wunderbare alte Kupferstiche aus Italien ebenso wie aktuelle Fotografien und sogar Werbung und Kinoplakate in sein Buch- und Ausstellungsprojekt mit eingebunden. Den Zusammenhang von Architektur und Bepflanzung von der Moderne bis zur Gegenwart untersucht Frank Maier-Solgk in seinem abschließenden Beitrag. Unter seinen Beispielen fallen Patrick Blancs Oasis d’Aboukir (2016) in Paris und The Valley in Amsterdam (2021) wegen ihrer radikalen Umsetzung von Green Architecture besonders ins Auge. Grüne Architektur steht nunmehr für eine »nachhaltige Gestaltung unseres derzeit verschwenderischen Umgangs mit Ressourcen«. Hier wird aus einer Überlieferung etwas Neues. Neues, das sich etwa im 2017 vom Bundesumweltministerium veröffentlichten »Weißbuch Stadtgrün« niederschlägt, das Fördermaßnahmen von Kommunen und Ländern für den Ausbau von Grünflächen und Gebäudebegrünung vorsieht.

Das Buch ist so dicht gestrickt, dass man es mit Vergnügen auch dreimal lesen könnte. Wer im Bereich der hängenden Gärten experimentieren möchte: Schon in Albertis Architekturschrift findet sich in Auseinandersetzung mit Diodor eine Anleitung zur Begrünung eines Dachs. Verwendet werden: in Asphalt getauchtes Schilfrohr, gebrannte, mit Gips verbundene Steine und Bleiziegel, die gegen das Eindringen von Feuchtigkeit verschmolzen und vergossen werden.

Die Autoren mögen es verzeihen, dass hier auch ein Verweis auf den Nachbau eines einfachen Hydroponiksystems für kleinere Flächen ergänzt sei, das sich im Band »Sailing for Future« des bretonischen Ingenieurs und Abenteurers Corentin de Chatelperron (Delius Klasing, Bielefeld 2020, S. 80-89) findet.

~Franziska Puhan-Schulz