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Die geheime Welt der Bauwerke

Die geheime Welt der Bauwerke. Von Roma Agrawal, gebunden, 261 S., zahlreiche Abb., 24 Euro, Hanser, München 2018

»Schmutz« ist ein Kapitel des Buchs, vielleicht sogar das interessanteste, betitelt: Ein Parforceritt durch die Welt der Kloaken. Er beginnt im Japan der Gegenwart, wo technisch aufgebrezelte Toiletten fast schon Event-Architektur sind, springt zurück ins Mittelalter, in dem die Japaner einen blühenden Fäkalienhandel organisierten, und endet in London, wo die Bürger bis heute tapfer mit ihren Abfällen und Ausscheidungen leben. Erst im 19. Jahrhundert, nach etlichen Epidemien, machte man sich an den Bau einer ordentlichen Kanalisation – »um den Pestgestank loszuwerden«, wie die Autorin schreibt. Das unterirdische Projekt harrt seiner Vollendung. 2023 soll Londons Cloaca Maxima, ein technisch anspruchsvolles Mega-Bauwerk mit dem Namen »Thames Tideway Tunnel« fertig sein. Dann werden jährlich nicht mehr 62 Mio. Tonnen ungeklärte Abwässer im Unterlauf der Themse landen, sondern nur noch 2,4 Mio. … Roma Agrawal ist Physikerin und Bauingenieurin. Sie lebt und arbeitet in London und ist ziemlich erfolgreich. Und sie kann prima erzählen – so, dass man ihre Ausführungen (fast) immer versteht. Ihr Buch entfaltet eine Baugeschichte, wie man sie so noch nicht gelesen hat: einerseits aus der Sicht jener IngenieurInnen, die sich mit großem gestalterischen Ehrgeiz auf Augenhöhe mit den Architekten sehen; andererseits uneitel und bemüht, ihre vielfältigen Arbeitsfelder und deren technische Besonderheiten einer Laien-Leserschaft zu vermitteln.

Agrawals Themenspektrum ist breit. Sie startet mit Baumaterialien und ihren Eigenschaften und lenkt dann den Blick auf einige »Erfinder« spektakulärer Problemlösungen der Baugeschichte, insbesondere der Ingenieurkunst des 19. Jahrhunderts. Die Leser erfahren, wie Fundamente beschaffen sind, wie und warum große Kuppelbauten, Hochhäuser, Brücken, Deiche etc. der Gravitation, dem Wind, dem Wasser und auch Erdbeben trotzen können. Das »geheime« an Bauwerken ist also immer das Unverstandene; das, was sich hinter und in der Form versteckt. Was die Autorin ihrerseits gerne verbirgt, sind die Namen der Architekten, die mit ihren Projekten verbunden sind. Eine Variante von Augenhöhe, der aber ein Silberblick nicht fremd ist.

~Christian Marquart