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Die Europäische Mittelmeerakademie

Hendricus Th. Wijdeveld, Erich Mendelsohn und das Kunstschulprojekt an der Côte d’Azur. Von Ita Heinze-Greenberg. 304 S.,151 s/w-Abb., Klappenbroschur, 65 Euro, GTA Verlag, Zürich 2019

~Jürgen Tietz

Was für eine Vision! Eine europäische Kunstschule im Süden Frankreichs mit Blick auf die Kultur des Mittelmeers. Architektur, Bühnenkunst, Malerei, Musik, Skulptur sowie Tanz und Keramik sollten auf ihrem Programm stehen. Doch mehr als ein paar schüchterne Gehversuche brachte diese so grandiose wie grandios gescheiterte Idee leider nie zustande.

In ihrem Opus magnum erzählt Architekturhistorikerin Ita Heinze-Greenberg die faszinierende Geschichte dieser europäischen Kunstschule. Was auf den ersten Blick wie eine Marginalie der Baugeschichte erscheint, ist – nicht zuletzt wegen der prominenten Projektbeteiligten – eine Betrachtung wert.

Alles begann mit der Architektenfreundschaft zwischen Erich Mendelsohn und Hendricus Theodorus Wijdeveld, die sich im Bauhaus-Gründungsjahr 1919 kennenlernten. Wijdeveld träumte von einer internationalen künstlerischen Arbeitsgemeinschaft. Hartnäckig verfolgte Wijdeveld sein Ziel, während Mendelsohn wohlwollend skeptisch blieb. 1933 änderten sich die Rahmenbedingungen. Fluchtartig verließen die Mendelsohns Berlin. Das Projekt der Mittelmeerakademie, die freilich einen stark eurozentristischen Blick besaß, wurde konkret. U. a. der Geldmangel ließ die hochtrabenden Pläne jedoch schnell schrumpfen. Mit dem Gartenarchitekten Reinhold Lingner und wenigen Schülern begann Wijdeveld 1934 dennoch mit der Verwirklichung seines Traums, bis zum jähen Ende durch einen Waldbrand bereits kurz nach der Eröffnung.

Ita Heinze-Greenberg eröffnet ihren Lesern mit ihrem schön ausgestatteten Buch weit mehr als ein Kapitel der Architekturgeschichte: Eingebettet in die politische Situation der Zeit legt sie die biografischen Verflechtungen der Beteiligten dar und erläutert die kulturgeschichtliche Dimension einer solchen Akademie, von der man sich eine Neuauflage wünschen würde. Heute allerdings als ein Ort des gleichberechtigten kulturellen Austauschs über sämtliche Küsten des »Mare Nostrum« hinweg. Was für eine Vision!