Die anderen Städte

IBA Stadtumbau 2010, Band 7: Interventionen. 288 Seiten mit zahlreichen Abbildungen, deutsch/englisch. Kartoniert, 24,80 Euro. Edition Bauhaus, Dessau, 2008

~Christoph Gunßer

Das Bauhaus Dessau, mitten in der am stärksten »schrumpfenden« Stadtregion Ostdeutschlands gelegen, kümmert sich mit der IBA Stadtumbau 2010 um die Zukunft seines Umfeldes. Für das Land Sachsen-Anhalt organisiert und fördert die IBA innovative Ansätze für die Revitalisierung von insgesamt 17 Städten in der einstigen Industrieregion.
So übernehmen in Dessau-Roßlau Bürgergruppen stückweise öffentliche Flächen als »Claims«, um darauf zum Beispiel Holzplantagen oder einen Multikultipark anzulegen. Aschersleben nutzt Lücken im Straßenbild für eine »Drive Thru Gallery«. Magdeburg entdeckt das Leben mit der Elbe neu und erprobt im Stadtteil Salbke eine Freiluftbücherei. Quedlinburg kultiviert sein Weltkulturerbe durch behutsames Weiterbauen, Eisleben nutzt Luthers Anziehungskraft, Wittenberg formt seine Bildungseinrichtungen zu einem Campus, Köthen experimentiert mit homöopathischer Planung, Staßfurt definiert die durch Bergbau versunkene Mitte neu. Merkmal der erfolgreicheren Umbaukonzepte scheint zu sein, dass keine spektakulären Konzepte von außen übergestülpt, sondern nur Anstöße für lokales Handeln und Netzwerkbildung gegeben wurden. Wo kein Verwertungsdruck da ist, werden teilweise höchst originelle »Möglichkeitsräume« erprobt, die den Horizont nicht nur der Einheimischen, sondern auch professioneller Planer erweitern können. Bereits Jane Jacobs beschwor die Zunft, abgeschriebene Bausubstanz für nicht rentable Nutzungen übrig zu lassen, um Quartiere lebendig zu erhalten. Gut möglich, dass hier ein Labor für noch florierende Städte Lösungen erprobt, die ohne viel Geld Zusammenhalt und Fantasie leben lassen. Das Buch gibt einen guten Überblick der Interventionen. Einführende Texte stellen diese in den Kontext von Gegenkultur und Partizipa- tionserfahrungen, ehe Bilder, Pläne, Kurztexte und Interviews mit Beteiligten Einblicke in die Projekte geben. Auch Frust und Scheitern klingen an und Trägheit von Bürokratien, wenn gar zu viel »geprüft« wird oder die »Qualifizierung der Gastkultur« zum Ziel erhoben wird. Insgesamt scheint in der IBA Stadtumbau aber die Hoffnung auf, dass aus der Krise der Industrie eine positive neue Identität erwachsen kann.