Die Ästhetik der Platte

Wohnungsbau in der Sowjetunion zwischen Stalin und Glasnost. Von Philipp Meuser. 728 S. mit 1400 Abb., Hardcover, 98 Euro, DOM publishers, Berlin 2015

~Christian Holl

Was für ein Buch! Der Architekt und Verleger Philipp Meuser hat in intensiver Arbeit in mehr als zehn Jahren Material und Wissen über den Massenwohnungsbau mit industriell vorgefertigten Elementen in der Sowjetunion zusammengetragen. Viele der hochqualitativen Fotos hat Meuser selbst gemacht, aus Büchern, Zeitschriften und Archiven Pläne zusammengetragen, von denen einige bislang als geheim galten. Unvollständige Unterlagen wurden durch Aufmaße vor Ort ergänzt, sodass die Zeichnungen des Buchs, wie nicht ohne Stolz vermerkt wird, teilweise »einen höheren Detaillierungsgrad als die Originalpläne selbst« aufweisen. In drei große Abschnitte hat Meuser seine Arbeit gegliedert. Der erste stellt den Kontext zum industriellen Bauen des 20. Jahrhunderts her; verglichen mit den anderen beiden Teilen liest er sich ein wenig, als hätte hier eine Pflichtaufgabe erfüllt werden müssen: Der Name Ernst Neufert taucht merkwürdigerweise nicht auf, ebenso wenig wie der westeuropäische Plattenbau. Umso mehr entschädigen die anderen beiden Abschnitte mit beeindruckender Fülle. Der zweite Teil gliedert durch zehn Kategorien die Typenprojekte seit 1955. Erst seit dann, weil in der Ära nach Stalin die Phase des forcierten industrialisierten Plattenbaus beginnt. Stalin hatte dem verschwenderisch ornamentalen Stil Priorität eingeräumt und seinem Nachfolger Chruschtschow ein schweres Erbe hinterlassen. Jener leitete die umfassende Industrialisierung des Wohnungsbaus ein, der nun Meuser zum ersten Mal eine entsprechende Beachtung in der Bauforschung widmet. Neben der Bedeutung, die dabei etwa der französische Ingenieur Raymond Camus spielte, ist die Erkenntnis, dass der sowjetische Wohnungsbau von Individuen geprägt wurde, eine der vielen Überraschungen dieses Buchs. In einem dritten Teil schließlich werden eingehend die Städte Moskau, Leningrad und Taschkent untersucht. Die usbekische Hauptstadt ist u. a. deswegen interessant, weil nach Zerstörungen durch ein Erdbeben 1966 dem Plattenbau eine besondere politische Dimension zukam. Auch das macht das Buch so empfehlenswert: dass anschaulich gezeigt wird, wie politische Bedeutung, autoritäre Steuerung, die Suche nach spezifischem Ausdruck und technische Entwicklung aufeinander bezogen sind.