Der Raum des Öffentlichen

Die Escola Paulista und der Brutalismus in Brasilien. Von Magret Becker. 279 S. mit 92 Farb- u. 207 s/w-Abb., Hardcover, 49 Euro. Dietrich Reimer Verlag, Berlin 2012

~Bärbel Högner

Mit der Ausstellung »Brazil Builds« machte 1943 das MoMA in New York auf die Architektur der Moderne in Brasilien aufmerksam. Vorwiegend wurde der Kreis um Niemeyer, Costa und Reidy aus Rio de Janeiro präsentiert, doch unterstützte die internationale Anerkennung fortan auch andere, vom International Style inspirierte brasilianische Architekten. Magret Beckers Untersuchung zur »Escola Paulista« widmet sich nun ausführlich jener bis in die Gegenwart wirkenden Strömung, die in den 50er Jahren in der Industriemetropole São Paulo entstand und deren Architektursprache insbesondere Rücksicht auf die technischen Möglichkeiten des Landes und die brasilianische Lebensweise nahm. Einleitend beleuchtet Becker die Architekturgeschichte Brasiliens. Hintergründe zur Entwicklung der Megacity São Paulo verorten die lokale Variante der Moderne. Der Hauptteil stellt ausführlich Vilanova Artigas und Mendes da Rocha vor, die mit ihren prägnanten Bauten und als Lehrende maßgeblich den Stil Sao Paulos prägten. Hierbei verweist die Autorin mit der detaillierten Analyse zahlreicher Gebäude der beiden Protagonisten der Escola auf das Gestaltungsmerkmal großzügiger offener Räume, die Begegnung, Austausch und Gemeinschaft fördern sollten. Ein vergleichender Exkurs zur Wahrnehmung des Brutalismus‘ in Europa und Brasilien bildet den Abschluss des reich bebilderten und zugleich angenehm luftig gestalteten Buchs. Eindrücklich vermag eine historische Fotografie, die während der Militärdiktatur entstand, das Anliegen der vorgestellten Architekten zu vermitteln: Das gigantische Atrium der Architekturfakultät von São Paulo – ein Entwurf, der zu Beginn der 60er Jahre Vilanova Artigas Vision vom kommunikativen, öffentlichen Raum maßgeblich symbolisierte – war mit Hunderten von Menschen dicht besetzt. Während Terror das politische Geschehen kennzeichnete, transformierten die Studenten den Bau in ein Forum für den Widerstand. Damit nutzten sie ihn ganz im Sinne des Gestalters als Architektur, die Begegnung und soziale Verantwortung ermöglicht. So fokussiert Becker nicht nur die Eigenheiten der bislang wenig beachteten »Escola Paulista« – auch leistet ihre Forschung fachübergreifend einen Beitrag zu ethischen Fragen in der Wechselbeziehung von Architektur und Mensch.