Der lange Weg zum Neuen Bauen

Beton – 43 Männer erfinden die Zukunft; Zement & Kunststein – Der Siegeszug der Phantasie. Von Ferdinand Werner. 2 Bände, zusammen 636 S., 979 farbige Abb., gebunden, 139 Euro, Wernersche Verlagsgesellschaft, Worms 2017

Sie sind schon ein ziemlicher Brocken, diese zwei Bände, die die Geschichte des Betons und des Zements zum Thema haben – und das nur bis zum Ersten Weltkrieg. Zu diesem Zeitpunkt, so der Autor, seien alle Voraussetzungen zum modernen Stahlbetonbau vorhanden gewesen: verlässliche technische Eigenschaften ebenso wie Verarbeitungsrichtlinien und Normen. Das Neue Bauen mit seinen Leitideen Vorfertigung und industrieller Ausdruck in der Gestaltung konnte kommen. Doch bis es soweit war, gab es jede Menge »Irrungen und Wirrungen«, und die füllen in der Tat höchst unterhaltsam und informativ stolze 636 Seiten. Historische Fotos und Zeichnungen, großenteils aus Archiven auch heute noch tätiger Unternehmen wie HeidelbergCement und Schwenk, sowie viel, viel Text berichten von den unzählbar vielen Vorläufern und Varianten, gelungenen wie missratenen, in der Erfindung von Zement, Beton und Eisenbeton – ebenso von ihren unterschiedlichen Ausprägungen und Protagonisten in Frankreich, England und Deutschland. Hier und da hätte etwas weniger Detailliebe gut getan, doch so bietet das Werk einen sehr umfassenden Blick auf die zahlreichen Facetten des Betons, inklusive Marketingstrategien, die Diskussion um den Einsatz in der Denkmalpflege und Betonprodukte.

Als Kunsthistoriker stellt der Verfasser – anders als viele andere Dokumentationen zum Thema – die architektonisch-künstlerischen Aspekte in den Mittelpunkt. So finden sich immer wieder Zitate aus der Fachwelt (u. a. in frühen Ausgaben der Deutschen Bauzeitung), die weit über die Epoche des Neuen Bauens hinaus geführt wurden und werden: wie der neue Baustoff den architektonischen Ausdruck beeinflussen sollte und dürfe, ob und unter welchen Umständen es als sichtbares Material tauge usw. Das Bedürfnis, den nackten Beton »anzuhübschen«, war groß: durch steinmetzmäßige Bearbeitung der Oberfläche, durch Verkleiden mit Naturstein oder auch Schmuckelementen aus Beton. Eine geradezu entfesselte Experimentierfreude mit dem formbaren Material, insbesondere in Frankreich bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts, zeigt der Band »Zement & Kunststein«: neben eher nüchternen und disziplinierten Ornamenten, Skulpturen und Balustraden für den Garten wird der Leser in künstliche Felslandschaften entführt, zu einer Ritterburg, zu Ausstellungspavillons im Stil der Tempel von Angkor Wat und zu Gartengestaltungen, die Vorbilder für die Unterwasserwelten von »Fluch der Karibik« hätten sein können. Das letzte Kapitel kehrt dann zur eher nüchternen deutschen Betrachtungsweise zurück und findet über Peter Behrens und die Mathildenhöhe den Anschluss an die Moderne wieder.

Trotz der Materialfülle übersichtlich strukturiert, lässt sich das Werk gut kapitelweise lesen; dass sich das Stichwortverzeichnis nur in einem Band findet, ist etwas gewöhnungsbedürftig. Was diese akribische Arbeit aber unbedingt verdient hätte, ist ein besseres Lektorat – die vielen Fehler, vom falsch geschriebenen Eigennamen bis zum überzähligen Buchstaben, sind einfach ärgerlich.

Der große Enthusiasmus des Verfassers für sein Thema macht das jedoch zum Glück vergessen. Persönlich hat er viele der oft gar nicht als Betonbauten erkennbaren, aber nichtsdestoweniger wegweisenden Projekte fotografiert und liefert eine bemerkenswerte Fülle an geschichtlichen Details dazu. In allen beiden Bänden spürt man durchweg den Spaß am Erzählen – und nicht zuletzt das macht sie zu einem Referenzwerk, mit dem man sich jahrelang beschäftigen kann. ~dr