Der Architekt am Strand

Le Corbusier und das Geheimnis der Seeschnecke. Von Niklas Maak. 240 Seiten mit zahlreichen Abb. Kartoniert, 17,90 Euro, Hanser Verlag, München 2010

~Bärbel Högner

Beim Entwurf der Wallfahrtskirche in Ronchamp berief sich Le Corbusier auf ein Fundstück als Quelle der Inspiration: Ein Krebspanzer habe als Modell für das ungewöhnliche Kirchendach gedient. Die rhetorisch geschickte Anekdote stellte die Fachwelt damals zufrieden. Für Niklas Maak ist sie jetzt der Ausgangspunkt zur Darstellung einer »anderen Architekturgeschichte«, in der Le Corbusiers Sammelleidenschaft für Strandobjekte Berücksichtigung findet. Denn der vermeintlich zufällige Fund hat in Wahrheit »Tradition« in Le Corbusiers Entwurfsprozessen. Wie es auch kein Zufall ist, dass just zum Zeitpunkt massiver Kritik an der rationalen Moderne ausgerechnet einer ihrer federführenden Vertreter in Rochamp dem angeblich seelenlosen Stil eine Wende gab: Mit der einer Grotte gleichenden Kirche inszenierte sich Le Corbusier als Urvater der biomorphen Architektur. Die Spurensuche zur Bedeutung von Strandgut in seinem Werk beginnt mit der organischen Formensprache seiner Malerei. Auf der Leinwand experimentierte der Architekt mit Raumvorstellungen. Wiederholt findet sich hier das Motiv der Seeschnecke, ein Objekt, das den Künstler sowohl sinnlich als auch kompositorisch seit jeher faszinierte. So nimmt auch seine intensive Auseinandersetzung mit Paul Valéry nicht Wunder – der Dichter und der Architekt teilten die Liebe zum Meer. Für beide waren Treibgutstücke Objekte, die in der Betrachtung Erkenntnis nährten und zu Denkfiguren mutierten.
Wie in des Architekten Werk Muscheln, Mathematik und Mystik eine Verbindung eingingen und die Moderne schließlich als gebaute Wiederkehr natürlicher Urkräfte umgedeutet werden kann, ist spannend zu lesen. Das Buch belegt, dass der Star der Avantgarde nicht untergehen mag – nach wie vor bietet Le Corbusiers vielschichtiges Œuvre ausreichend Fundstücke für neue Interpretationen. Niklas Maaks sorgfältige Recherche erkundet des Architekten schöpferisches Labyrinth mit der Seeschnecke als Querbezug: Baukunst, Poesie und Ausstellungstätigkeiten des Altmeisters bilden so eine neue Einheit, wobei sich der Spannungsbogen über den Modulor hinaus bis zum Mercedes-Museum erstreckt. Mal amüsant, mal skurril anmutend ist dies eine inspirierende, vorzüglich geschriebene Lektüre.