Das offene Haus

Für eine neue Architektur. Von Florentine Sack, mit einem Vorwort von Ingeborg Flagge. 176 Seiten, mit 80 farbigen und 150 S/W-Abbildungen, Deutsch/Englisch. Broschur, 24,80 Euro, 42,20 sFr. Jovis Verlag, Berlin, 2005

Es kommt nicht besonders häufig vor, dass jemand den Mut hat, zu behaupten: Ich weiß, was der Architektur von heute fehlt und wie die von morgen aussehen sollte. Florentine Sack, Jahrgang 1968 und in Braunschweig und London studierte Architektin, hat sich auf das Wagnis eingelassen. Ihre Kernthese: Die moderne Architektur ist an qualitative Grenzen gestoßen; sie kann den komplexen Anforderungen der Gegenwart nur noch ausnahmsweise gerecht werden. Insbesondere die traditionelle und moderne japanische Architektur sieht Florentine Sack als Vorbilder für eine neue Schule des Bauens. Die Reize japanischer Baukunst sind nicht unbekannt. Den Wert des Buches macht aus, dass Sack die Elemente dieser Bautradition systematisch und exemplarisch illustriert und ihnen Analogien in der westlichen Architektur gegenüberstellt, unter anderem Gebäude von Alvar Aalto, Frei Otto oder Peter Zumthor.
Dabei wird deutlich, dass Qualitäten wie »Wandlungsfähigkeit« oder »Einfachheit« abhängig vom Kulturkreis ein ganz unterschiedliches Gesicht haben können. An Eigenschaften wie diesen machen sich für Florentine Sack die Qualitäten des »offenen Hauses« fest. Weitere sind die Ambivalenz und die Unvollkommenheit, welche hier nicht als Defizite, sondern als Tugend be- wertet werden.
Es ist etwas schade, dass die Autorin ihre Referenzen fast ausschließlich aus dem Werk etablierter Architekturstars und ihren häufig privilegierten Bauaufgaben zusammenstellte. Beispiele von wenig bekannten Baumeistern findet man kaum. Dieses Manko schmälert nicht den Reiz dieses inspirierenden Bilderbuchs und seiner erfrischend einfachen Thesen. Frank Peter Jäger