Carlo Scarpa

Monografie. Von Robert McCarter, 288 S., 350 Abb., davon 175 farbig, gebunden, englisch, 90 Euro. Phaidon, Berlin 2013

~Karl J. Habermann

Erstaunen und Neugier weckte auf der letzten Buchmesse in Frankfurt am Stand von Phaidon der ob seiner Aufmachung sofort ins Auge fallende Architekturtitel über Carlo Scarpa. Neben optischen Qualitäten sorgen binde- und drucktechnische Extras für zusätzliche haptische Eindrücke. Man könnte sich einen Moment lang fragen: Gab es da in der Vergangenheit nicht schon genug bedrucktes Papier? 65 Treffer lassen sich mit der Eingabe des bekannten Meisters in der Bibliothek der TU München erzielen. Der Blick in die Regale führt zu abgegriffenen Bänden in unterschiedlichsten Formaten, die in der Regel Einzelaspekten des Werkes Scarpas gewidmet sind. Also hatte der Verlag doch den richtigen Riecher, Carlo Scarpa und sein Werk endlich auf einer Ebene mit Le Corbusier, Louis Kahn, Frank Lloyd Wright und Alvar Aalto zu sehen und in einer veritablen Werkmonografie zu würdigen. Mit Robert McCarter wurde ein Autor gewonnen, der sich bereits in einer Reihe von Publikationen intensiv mit dem formalen Umfeld des Protagonisten beschäftigt hatte. Erst erfährt man einiges über Herkunft, Studium, erste Einflüsse und Ankunft in Venedig. Dass Scarpa die Zeit des Faschismus‘ als Glasdesigner in Murano überbrückte, ist spätestens nach der einschlägigen Ausstellung auch einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Robert McCarter sichtet den Inhalt der hinterlassenen Bibliothek und zieht seine Schlüsse auf wichtige Einflüsse und Querverbindungen. So trafen Frank Lloyd Wright und Scarpa 1951 in Venedig erstmals persönlich aufeinander. Louis Kahn und Carlo Scarpa wurden durch ihre Kontakte bei Ausstellungsprojekten zu Freunden. Geschickt zieht sich der rote Faden interessanter biografischer Details, meist mit Originalzitaten belegt, durch die chronologisch präsentierte Schau der Schlüsselprojekte. Ganzseitige, farbige Reproduktionen der Originalskizzen werden den schwarzweiß gehaltenen historischen Aufnahmen und aktuellen großformatigen Farbfotos textkonform zugeordnet. Der Autor lässt den Leser die jeweiligen Gesamtkunstwerke Raum für Raum durchschreiten. Das Buch ist Balsam für die Augen und wird den geweckten Ansprüchen in vollem Umfang gerecht. Am Ende denkt man nur noch an eine baldige Reise zu den Originalschauplätzen.