Capitalist Realism

Neue Architektur in Russland. Von Bart Goldhoorn und Philipp Meuser. 304 Seiten mit über 350 Abbildungen. Englisch/deutsch/russisch. Gebunden, 78 Euro, 127 sFr. Dom Publishers, Berlin, 2007

~Dagmar Ruhnau

An der Aufmachung des Buches ließe sich viel herummäkeln: Die Aufteilung ist unlogisch und die Grafik nicht besonders ausgewogen – die Vorworte sind englisch, die Übersetzungen ins Deutsche und Russische ganz weit hinten, manche Gebäude sind mit nur einem, andere mit Unmengen Bildern vertreten, wenn Zeichnungen vorhanden sind, sind sie in der Regel zu klein und unvollständig. Und es gibt sogar Geheimabteilungen wie die Erläuterung der (keineswegs selbsterklärenden) Symbole, die sich auf Seite 270 unter dem Impressum findet, nicht aber im Inhaltsverzeichnis.
Vermutlich spiegelt das die möglicherweise nicht immer einfachen Recherchebedingungen für das Buch, das insgesamt einen löblichen Anspruch erfüllt: einen möglichst breiten Überblick über die russische Architektur nach 1996 zu geben. Und da hüpft einem das Herz. Von nostalgisch-kitschig-monumentalen »Stadtreparaturen« in Moskau über nüchterne oder mutige Wohnarchitektur »auf dem Land« (heißt: in Nischnij Nowgorod, einer der Vorzeigestädte in Sachen zeitgenössischer Architektur) bis zum schrägen Wohnturm Marke Eigenbau aus Betonfertigteilen reicht die Palette. Natürlich sind auch Kleinode dabei wie der humorvolle organisch-hölzerne Innenausbau eines Café-Clubs in Moskau, und es spiegeln sich darin auch die Produktionsbedingungen von Architektur in Russland, wo es wenig öffentliche Aufträge gibt und sich die umsatzstärksten Bauträger in Form von überlebensgroßen Statuen auf der Attika eines Apartmenthauses für die Neureichen selbst verewigen. Aber klar wird auch, dass ein bisschen Freiheit von bauplanerischen Korsetts der architektonischen Landschaft durchaus guttun kann.