Calcutta

Chitpur Road Neighborhoods. Hrsg. von Peter Bialobrzeski. 143 Seiten mit 74 Farbabbildungen. 31 x 24 cm. Deutsch/Englisch. Gebunden, 39,80 Euro. Hatje Cantz Verlag, Ostfildern, 2007

~Marc Peschke

Kalkutta ist eine Stadt, die kaum zu fassen ist. Koloniale Prachtbauten wie das Victoria Memorial von 1921 erinnern an die Stellung der Metropole während des British Empire, Vorstädte mit Bürotürmen – Sitz von Callcentern und IT-Unternehmen – stehen dagegen für die rasante wirtschaftliche Entwicklung. Im Norden der Stadt, in der Chitpur Road etwa, ist davon nichts zu spüren. Es ist vor allem Morbidität, die hier irritierenden Charme verströmt.
Die Kontraste Kalkuttas am Beispiel einer einzigen Straße, der Chitpur Road, die Würde der verblichenen Architektur, faszinierende Kulisse für Hektik, Armut und Chaos des Alltagslebens, all das kann man jetzt in diesem Buch bestaunen. »Calcutta Chitpur Road Neigborhoods« ist ein Prachtband, der die Recherche des »Kolkata Heritage Photo Project« zusammenfasst: Unter der Leitung von Professor Peter Bialobrzeski haben 21 Fotografie-Studenten der Bremer Kunsthochschule die im Verschwinden begriffene Pracht mit der Großbildkamera dokumentiert. Fabrikantenvillen des 19. Jahrhunderts, Paläste, die an die frühere Macht des bengalischen Großbürgertums erinnern.
Es ist ein unvergleichliches Erbe, das hier vor allem aufgrund der Luftverschmutzung rapide verfällt, verloren geht – und die »Süddeutsche Zeitung« hat recht, wenn sie schreibt: »Hätte Kalkutta den Appeal von Havanna, es gäbe längst Coffee-Table-Books über die alten Paläste.«
Das Buch ist eine gelungene, sorgfältige Foto-Dokumentation der historischen Bausubstanz der Chitpur Road, in der Pracht und Armut auf paradoxe Weise ganz eng beieinanderliegen. Eine Hommage an eine Architektur, die nur noch wenige Jahrzehnte überleben wird.