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Im Bunkerhotel unter dem Marktplatz von Stuttgart. Hrsg. von Jörg Esefeld und Werner Lorke. 145 Seiten mit zahlreichen SW- und Farbabbildungen sowie 26 Großfotos. Deutsch/Englisch. Klappenbroschur, 49 Euro, 77 sFr. edition esefeld & traub, Stuttgart, 2006

~Dagmar Ruhnau

3000 öffentliche Bunker wurden während des Zweiten Weltkriegs im Deutschen Reich erstellt; viele von ihnen dienten in der Nachkriegszeit als Massen- und Notunterkünfte oder auch als Hotels. Am längsten für Übernachtungen genutzt wurde der Bunker unter dem Stuttgarter Marktplatz, nämlich bis Ende 1985. (Der Tiefbunker Rheinlanddamm in Dortmund, umgewandelt ins Hotel Fleiter, hatte allerdings auch erst 1984 ausgedient.) Von 1987 bis 1992 wurde der Stuttgarter Schutzraum wieder in seiner urspünglichen Funktion gegen Angriffe aus dem Osten vorgehalten, 1995 gab es einen (nie realisierten) Architektenwettbewerb zur Umnutzung, und seitdem ist der Bunker nur noch bei Groß- events ein- bis zweimal im Jahr als Kunstraum öffentlich zugänglich.
Dann besteigt man eine Zeitmaschine, die einem Moden und Notwendigkeiten der vergangenen siebzig Jahre vor Augen führt, überraschenderweise nicht komplett überzogen von Moder und Schimmel. Diese Welt zeigt das Buch in großformatigen Tafeln. Treppen, Türen, Lampenschirme, Seifenspender, Waschtröge, Preisaushänge, Lüftungs- und Heizungsanlagen, Anweisungen aus der Kriegszeit ziehen vorbei und lösen sich in der Fotografie ebenso in abstrakte Formen, Flächen und Strukturen auf wie sie das physisch in der feuchten Moderluft tun. Und Tapeten natürlich. Der gesamte zweite Teil, sehr passend »Mustersammlung« betitelt, bietet eine umfangreiche Auswahl trashiger Tapeten und Lampenschirme, die einem so fremd gar nicht sind. Der dritte Teil widmet sich den Mikro- organismen, die nun das Hotel bewohnen.
Dunkelheit, eine Raumtemperatur von knapp über 18 Grad und um die 95 Prozent Luftfeuchtigkeit sowie köstliche Nährböden in Form von Tapeten, Kleister und Textilien bieten ideale Wachstumsbedingungen für alle möglichen Arten von Schimmelpilzen. Allein 15 führt der Autor, Physiker für Werkstoffe, als relevant für Gebäude auf, und dokumentiert einige davon in Farbfotografien der Tapeten des Marktplatzbunkers. In der Makroaufnahme verwandeln sich auch die Pilzbesiedelungen (fast) in reine Strukturen, die ästhetisch über den verblassten Tapetenmustern liegen oder sich mit ihnen verbinden.