Brasilia

René Burri. Fotografien 1958-97. Mit Texten von Arthur Rüegg (Hrsg.), René Burri und Clarice Lispector (dt./engl.), 224 Seiten, Abb. farbig und s/w, gebunden, 77 Euro. Scheidegger & Spiess, Zürich 2011

~Frank Peter Jäger

Ende der 50er Jahre war der Glaube der Mo- derne noch ungebrochen, mit den Mitteln der Architektur gesellschaftliche Visionen umsetzen zu können. Für Brasilien galt es, sich von seinen kolonialen Wurzeln zu emanzipieren und endlich das riesige, kaum erschlossene Landesinnere zu entwickeln. Bereits 1891 beschlossen, setzte Brasiliens ehrgeiziger Staatspräsident Kubitschek ab 1956 den kühnen Plan in die Wirklichkeit um, tief im Landesinnern eine neue Hauptstadt zu bauen. Oscar Niemeyers Idealstadt Brasilia, gebaute Aufbruchsstimmung eines Landes, wurde zum Meilenstein der Architekturgeschichte.
Der Schweizer Fotoreporter René Burri, Mitglied der Gruppe »Magnum«, folgte dem Treck der Architekten, Ingenieure und Bauarbeiter ins Niemandsland, hielt in zahlreichen Bildern fest, wie die neue Stadt Konturen annahm und besuchte Brasilia in späteren Jahren immer wieder. Jetzt hat der Zürcher Architekt Arthur Rüegg eine Auswahl von Burris Aufnahmen als Bildband herausgebracht.
Mit seiner Kamera hält Burri die werdende Stadt und ihre Menschen in der für ihn typischen Haltung des teilnehmenden Beobachters fest: Er fotografiert einen stillen Oscar Niemeyer am Arbeitstisch beim Nachdenken oder im Gespräch mit dem Staatspräsidenten, der seinem Baumeister blind vertraute. Er beobachtet Bauarbeiter, die auf waghalsigen Gerüsten balancieren. Eines der anrührendsten Bilder zeigt einen der 30 000 Arbeiter mit Frau und vier Kindern bei der Besichtigung der Stadt unter den himmelsstrebenden Bögen des Palácio do Planálto – der Vater schaut andächtig auf ein Werk, das auch sein Werk ist, die Kinder legen die Köpfe tief in den Nacken, so etwas haben sie noch nie gesehen. Auch der Herausgeber schien ganz auf die Macht der Bilder zu vertrauen: Der großzügig komponierte Band enthält im Anhang nur eine Handvoll kurzer Texte. In seinem Essay führt Arthur Rüegg in Burris Schaffen und seine Südamerika-Zeit ein. Diesen etwas minimalistischen Textteil aufzustocken wäre sicher ein dankbares Unterfangen gewesen – etwa um einen Rückblick aus Sicht des Fotografen selbst. Als Glücksfall erweist sich, dass Burri früher als andere auch in Farbe fotografiert hat, das Licht des brasilianischen Himmels und das Rot des Lehmbodens fangen seine Bilder unverfälscht ein. Die verbleichenden Dias aus den Architekturgeschichte-Vorlesungen werden auf einmal zum Leben erweckt, sie wimmeln und atmen und man meint den Tabak der Arbeiter zu riechen.