Bestand der Moderne

Von der Produktion eines archi- tektonischen Werts. Von E. Feiersinger, A. Vass, S. Veit und der Österreichischen Gesellschaft für Architektur (Hrsg.). 168 S., broschiert, mit Materialheft, 34 Euro, Scheidegger und Spieß, Zürich 2012

~Christian Holl

Würde man heute, wie Kunsthistoriker Christian Welzbacher 2009, von der Nachkriegsmoderne als einer unterschätzten Epoche sprechen, man dürfte doch zumindest ein Fragezeichen dahinter setzen. In Ausstellungen, Diskussionen und auf Konferenzen ringt man um einen angemessenen Zugang zu diesem Thema. Dass der Umgang mit der Architektur dieser Epoche uns vor Herausforderungen stellt, unterstreicht dieses Buch anschaulich: Auf hohem Niveau wird darüber nachgedacht, was die Architektur dieser Zeit aus- und was den Umgang mit ihr schwer macht, zudem werden Praxis und Selbstverständnis der Denkmalpflege hinterfragt. So sei der Begriff der Denkmalpflege an Prämissen gebunden, die Architektur in den Kontext von Ruine und Museum stelle, meint Andreas Vass: Prämissen, mit denen sich die Architektur der Nachkriegszeit schon allein deswegen nicht handhabbar macht, weil sie einen so großen Teil des Bestands stellt. »Das Festhalten an der ›Authentizität des Originals‹ wird ohne klaren geschichtlichen Bezug eines gegenwärtigen Standpunkts zu einer reinen Fiktion«, so Vass weiter. Genau das auf die Nachkriegsmoderne zu beziehen, setzt voraus, die Gebäude dieser Zeit anders zu sehen, als nur im Bemühen, den Intentionen ihrer Entstehung gerecht zu werden.
Doch es bleibt nicht beim Theoretisieren. Sechs Beispiele aus Österreich, der Schweiz und Deutschland bieten Lösungen zu baupraktischen Problemen. Sie spiegeln die in den Texten entwickelten Fragen nach Grundsätzlichem, etwa die des Erhaltungswerts: Liegt er im Baukulturellen oder im Ökonomischen ? Mit welcher Haltung, mit welchen Mitteln kann man dieser Architektur gerecht werden? Es wird erkennbar, dass gerade dieses Erbe die Architekten zwingt, ihr Verständnis von Architektur zu überprüfen. Der Architekt solle, so Bruno Reichlin, aufhören, »die ›Schöpfung‹ mit der archaischen Idee des materiellen, sichtbaren, greifbaren und ›sperrigen‹ Objekts zu verbinden«. Dafür sind wahrlich »hartnäckige Denkgewohnheiten« infrage zu stellen.