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Bauen mit Feingefühl

Zeitgenössische Baukultur in der Schweiz. Von Anna Roos. 244 S., 155 Abb., gebunden, 59,95 Euro, Birkhäuser, Basel 2017

~Oliver G. Hamm

Architektur aus der Schweiz steht weltweit hoch im Kurs – nicht erst, seitdem das kleine Land mit Herzog & de Meuron (2001) und Peter Zumthor (2009) gleich zwei Pritzker-Preisträger hervorgebracht hat. Doch was zeichnet die Schweizer Baukultur – nicht nur ihr »Produkt«, die Architektur – eigentlich aus? Und lässt sie sich trotz aller regionalen Unterschiede überhaupt über einen Kamm scheren? Auf diese Fragen sucht das Buch der Architektin und Autorin Anna Roos Antworten, zum einen anhand von 25 Gebäuden (von 15 Schweizer Architekturbüros) auf eidgenössischem Boden, zum anderen anhand von vier Essays ausländischer Autoren sowie eines Interviews mit Peter Zumthor.

Der hier erstaunlich zugängliche Graubündner gibt selbst eine deutliche Antwort: »Ich interessiere mich nicht besonders für (…) die Idee einer Schweizer Architektur.« Schließlich gehe er immer von einem konkreten Ort aus und denke über die Atmosphäre und die Materialien eines Gebäudes nach –
in der Schweiz ebenso wie an jedem anderen Ort in der Welt. Aber tun das nicht alle Architekten, sofern sie über das »spezielle Feingefühl« verfügen, das Anna Roos den von ihr ausgewählten Architekten zurecht unterstellt? Ohne Zweifel hat sie eine Reihe herausragender Beispiele überwiegend aus den letzten zwölf Jahren zusammengestellt. Doch bedient sie sich v. a. eines hohen Anteils vernakulärer Architektur, um ihre These eines auf traditionellen Materialien und handwerklichen Kenntnissen gründenden architektonischen Reichtums der Schweiz zu belegen. Sich selbst erfüllende Prophezeiung nennt man so etwas.

Besonders hervorzuheben sind die Qualität der Abbildungen, die einheitlich aufbereiteten Zeichnungen der 25 Beispielbauten sowie das großzügige Layout und das übergroße Format des Buchs. Eindrucksvoll ist zudem die glänzende Analyse von Irina Davidovici, die – fast schon am Ende des Buchs – auch Aspekte einer städtischen Architektur anspricht, die das Buch ansonsten weitgehend ausblendet. Weil sie nicht ins Konzept der Autorin, eine tief in der Tradition der Schweizer (Berg-)Landschaft wurzelnden Baukultur zu zeigen, passten?