Architekturführer Berliner Mauer

Von Hans Wolfgang Hoffmann und Philipp Meuser. 176 S., 150 Abb., Softcover, 18 Euro, DOM publishers, Berlin 2013

~Christoph Gunßer

Grenzziehungen waren selten so sichtbar, scharf und brutal wie hier: Die Berliner Mauer war über ein Vierteljahrhundert das meistgehasste Bauwerk der Stadt, nicht nur wegen ihrer menschenverachtenden Form – die »Mauer« umfasste ein tief gestaffeltes Grenzregime, das bis in die Wohnstuben der Ostberliner reichte und zahllose menschliche wie räumliche Beziehungen zerschnitt. So war die Rasanz nur verständlich, mit welcher die Mauer nach der Wende aus dem Stadtbild getilgt wurde – Touristen aus aller Welt suchen heute fast vergeblich nach deren Resten. Allen Spurensuchern leistet dieser handliche Band eine Hilfestellung beim Stadtwandern, aber auch beim Nach-Denken der Teilung. Einige Karten zeigen zunächst Vorgeschichte, Verlauf und den unterschiedlichen planerischen Umgang mit der Mauer in Ost und West. Dann verlässt das Buch indes die Form eines Führers und betrachtet die Geschichte in Schauplätzen seit 1948, dem Zeitpunkt der Berlin-Blockade. Besonders symbolische Orte wie das Brandenburger Tor, die Übergänge Bernauer und Schwedter Straße, Orte spektakulärer Fluchten, der ausradierte Leipziger Platz werden in Texten im Reportage-Stil lebendig. Dabei helfen Fotos von einst und jetzt, oft in krasser Gegenüberstellung (Philipp Meuser ist auch Fotograf). Wie verbissen an der Mauer auch architektonisch gerungen wurde, zeigt der demonstrativ gen Osten blickende Hochhausbau Axel Springers und seine »Blockade« durch die Hochhausscheiben an der Leipziger Straße. Auch Kuriosa wie den von der Mauer fast umschlossenen »Entenschnabel« zwischen Frohnau und Hermsdorf lernt man kennen. Während dort der Mauerstreifen zum Biotop erklärt wurde, geht die Stadtentwicklung sonst rücksichtslos über das einstige Niemandsland hinweg: Luftfotos von Potsdamer Platz und Regierungsviertel zeigen eindrucksvoll, wie rasch sich die zentrale Leere im Schatten der Mauer gefüllt hat. Orte der Erinnerung sind hingegen rar im Stadtraum. Was an Relikten der Mauer nach der Wende nicht in alle Welt verhökert wurde, findet sich plakativ in der Eastside Gallery oder versteckt an der Kieler Straße, einige Meter Kolonnenweg, Bodenmarkierungen andernorts. Dem seit 2011 offiziellen Gedenk-Ort an der Ackerstraße/Bernauer Straße widmet das Buch nur ein kurzes Kapitel. Bald wird die Mauer schon länger weg sein als sie stand, und ohne Bücher wie dieses wird sich wohl schon bald kaum jemand mehr an diese Wunde mitten in der Stadt erinnern.