Architektur und Gedächtnis

München und Nationalsozialismus – Strategien des Vergessens. Von Gavriel D. Rosenfeld. 612 Seiten, mit 90 S/W-Abbildungen. Gebunden, 29,80 Euro Dölling und Galitz Verlag, Hamburg, 2004

Wer München durchstreift, mag den Eindruck haben, diese Stadt habe den Krieg recht unbeschadet überstanden. Ruinen, die die nationalsozialistische Diktatur und der von ihr angezettelte Zweite Weltkrieg hinterlassen haben, sind kaum mehr auszumachen. Die Stadt ist in ihrer Erscheinung gründlich entnazifiziert worden, und man könnte meinen, den Krieg hätte es nie gegeben, so originalgetreu haben die Architekten der Nachkriegsgeneration die Ruinen ergänzt, komplett wieder aufgebaut oder das Alte so rigoros durch Neues ersetzt, dass es kaum mehr bauliche Erinnerung an die Zerstörung und an deren Hintergründe im Dritten Reich gibt. Gavriel D. Rosenfeld legt mit seinem Buch einen Finger in die noch immer offene deutsche Wunde der unbewältigten NS-Vergangenheit, indem er den Wiederaufbau Münchens als »Strategie des Vergessens« bewertet. Traditionalisten und Modernisten verfolgten sie mit unterschiedlichen Intentionen, aber gleichem Ergebnis. Die von Hans Döllgast sensibel ergänzten Ruinen der alten Pinakothek oder der Abtei St. Bonifaz mögen hier als Ausnahmen gelten, für den Autor Rosenfeld ist aber gerade dieser Ansatz ein Weg, der die Erinnerung schärfen könnte, und er hebt die »kritische Denkmalpflege« als positives Prinzip hervor, das sich auch in der sich zunehmend etablierenden Mahnmalkultur der spätgeborenen Generation äußere. Rosenfelds Blick aus amerikanischer Sicht ist erhellend und erschreckend zugleich, steht der Wiederaufbau Münchens hier doch stellvertretend für eine verbreitete deutsche Haltung. Olaf Bartels