Albert Gessner

Das städtische Miethaus. Von Claudia Kromrei. 400 S., zahlreiche Abb., mit einem Katalog des Gesamtwerks, gebunden, 89 Euro, Gebrüder Mann Verlag, Berlin 2012

~Bernhard Schulz

Vor über 30 Jahren erschloss Julius Posener mit seinem opusmagnum »Berlin auf dem Weg zu einer neuen Architektur« die Zeit des Spät-Wilhelminismus‘ als eine überraschend vielfältige Epoche. Doch die zahlreichen Namen, die Posener einem erstaunten Publikum vorstellte, sind heute nicht unbedingt bekannter. Das gilt auch für Albert Gessner, den Posener als einen der entschiedensten Reformer des Mietshausbaus zeichnete. Erst jetzt liegt mit der Dissertation der Berliner Architekturhistorikerin Claudia Kromrei eine Arbeit vor, die sein Werk erschließt. Bemerkenswert viel ist erhalten geblieben, mitten in Berlin oder genauer gesagt, in der seinerzeit noch selbstständigen Stadt Charlottenburg. Diese Unterscheidung ist wichtig, baute er doch für eine gut situierte Mittelschicht, die sich Sechs-Zimmer-Reformwohnungen im »Neuen Westen« leisten konnte.
Albert Gessner (1868-1952) hat in Charlottenburg studiert und um 1896 im Büro von Alfred Messel gearbeitet. Dieser bot mit seinen Genossenschaftswohnhäusern im Arbeiterbezirk Moabit wesentliche Anregungen für das eigene Schaffen. 1909 leistet Gessner mit der Publikation »Das deutsche Miethaus« einen wichtigen Beitrag zur Städtekultur der Gegenwart. Claudia Kromrei folgt in ihrer, der Werkanalyse vorangestellten Biografie Gessners dessen eigenen Aufzeichnungen nach 1945. Seine Etagenhäuser, mannigfaltig in der Architektur und v. a. den ingeniösen Grundrissen, verloren mit dem Ersten Weltkrieg ihre soziale Basis – und dem Siedlungsbau, der Aufgabe einer gedrückten Epoche, stand Gessner – der bis zur Inflation über ein ansehnliches Vermögen aus Haus- und Grundbesitz verfügte – fern. Das Werkverzeichnis, das Herzstück dieser vom Landesdenkmalamt in die Reihe der »Bauwerke und Kunstdenkmäler von Berlin« aufgenommenen Monografie, zeigt jedoch eine Reihe umfangreicher Bauvorhaben aus der Zeit der Weimarer Republik, denen allerdings die Originalität der Vorkriegsbauten abgeht. Die bürgerliche Wohnung ist sein Lebenswerk, das eine gemäßigte Moderne bezeichnet, die manches mit der Lebensreformbewegung um 1900 gemein hat. Für das »lange« Jahrzehnt vor Ausbruch des Weltkriegs bedeutete Gessner einen enormen Schritt heraus aus dem Stilmischmasch des »eigentlichen« Wilhelminismus‘.