Ausstellung bis 15. November 2020

Böhm 100. Der Beton-Dom von Neviges

~Bettina Schürkamp

Wie eine Felskuppe aus Beton überragt der Mariendom den Wallfahrtsort Neviges im Bergischen Land. Mit der Ausstellung »Der Beton-Dom von Neviges« feiert das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt den 100. Geburtstag des Kölner Architekten Gottfried Böhm. Zur Eröffnung, an der auch die Söhne Paul und Peter Böhm teilnahmen, bedankte sich der Jubilar per Videobotschaft für die bundesweiten Glückwünsche.

Großformatige Abbildungen von gefaltetem Sichtbeton und die leuchtenden Farben von Kirchenfenstern prägen die Ausstellung in der Galerie des DAM-Auditoriums, die sich mit zahlreichen Archivmaterialien ganz auf den Mariendom in Nerviges konzentriert. Die abstrakte Monumentalskulptur zählt zu den bedeutendsten Kirchenbauten des 20. Jahrhunderts und stellt das Hauptwerk von Böhms Kirchenbauten in den 1960er Jahren dar, die als kristalline »Betonfelsen« bekannt wurden. Diese experimentellen Raumschöpfungen begründeten das internationale Renommee von Böhm, das in der Verleihung des Pritzker-Preises im Jahr 1986 einen krönenden Höhepunkt fand. Mit der Ausstellung bietet das DAM intime Einblicke in das Plan- und Zeichenarchiv von Gottfried Böhm, das vom Museum seit dem Jahr 2005 verwaltet wird.

Fünf Stationen illustrieren die Geschichte des Mariendoms vom Wettbewerb über die Errichtung bis zur aktuellen Sanierung des Betondachs mit vielen Zeichnungen, Filmen und Fotos. Die ausdrucksstarke »Raumplastik« aus Beton setzte sich im Wettbewerb im Jahr 1964 als wegweisende Konzeption für die zweitgrößte Kirche des Erzbistums Köln durch. Das in die Landschaft eingebettete Kirchenensemble rahmt den ansteigenden Pilgerweg wie eine Bühneninszenierung ein und überhöht ihn mit dem expressiven und weithin sichtbaren Mariendom. Im Reigen der Wettbewerbsbeiträge stach Böhms Entwurf zudem als radikalste Umsetzung des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965) hervor.

Als Leihgabe ist in der Ausstellung ein schlichtes Pappmodell zu sehen, das nur vage erahnen lässt, als welch futuristisches räumliches Gebilde der Kirchenbau im Jahr 1968 bei der Weihe wahrgenommen wurde. Neben ausdrucksstarken Kohlezeichnungen und Baustellenfotos präsentiert die Ausstellung auch die Entwurfsskizzen für die Ausstattung des Innenraums, die ebenfalls vom Büro Böhm entworfen wurde. Der frei möblierbare Kirchenraum ist als Fortsetzung des Pilgerwegs wie ein öffentlicher Platz konzipiert, der von Tribünen eingefasst wird. In der Ausstellung wie auch im höhlenartigen Kirchenraum mit seinen komplex gefalteten Oberflächen aus Sichtbeton selbst ziehen die rotleuchtenden Rosenmotive der Kirchenfenster alle Blicke auf sich. Eindrucksvoll inszeniert, verbindet eine raumhohe Collage im Auditorium des DAM die großformatigen Abbildungen des Altars, der Kanzel und der Tribünen zu einem raumgreifenden Trompe-l’œil. Auch in der umlaufenden Galerie wurden die Fotodarstellungen unmittelbar auf die Wände tapeziert, um die Bauphase, den Innenraum und die Sanierung lebensnah zu visualisieren. Durch den Kontrast zwischen der orthogonalen Architektur des DAM von Oswald Mathias Ungers und den polygonalen Faltungen von Gottfried Böhm kommt die emotionale Dynamik des Mariendoms besonders anschaulich zum Ausdruck.

Noch im Sommer 2019 inspizierte Gottfried Böhm selbst vor Ort in Neviges die Sanierung des teilweise undichten Kirchendachs mit Textilbeton unter der künstlerischen Oberleitung von Peter Böhm. Insbesondere die Kehlbereiche der Faltungen werden mit Carbonfaser-Gewebe und Beton dauerhaft abgedichtet. Der neue Betonüberzug stellt den ausdrucksstarken, monochromen Charakter des »Betonfelsens« wieder her, der durch die fleckige Epoxidharz-Sanierung der 1980er Jahre gelitten hatte.

Die Ausstellung ist Teil des Kooperationsprojekts »Böhm 100«, das mit über 30 Veranstaltungen in Nordrhein-Westfalen noch bis Dezember 2020 den Jubilar würdigt.

Bis 27. September. Böhm 100. Der Beton-Dom von Neviges. DAM, Schaumainkai 43, 60596 Frankfurt a. M., Di-So 11-18, Mi bis 20 Uhr,
https://dam-online.de
Weitere Veranstaltungen zum 100. Geburtstag von Gottfried Böhm unter www.boehm100.de