Zwei deutsche Architekturen 1949 – 1989 (Hamburg)

Vierzig Jahre existierten zwei deutsche Staaten nebeneinander, und sie bildeten sich besonders bildmächtig durch Architektur ab. Der Komplexität der historischen Verwobenheit beider Länder mit ihren ideengeschichtlichen Kontinuitäten und einer strukturellen Vergleichbarkeit von Planerbiografien und Leitbildern standen unüberbrückbare Divergenzen zwischen einem offenem und einem geschlossenen Gesellschaftssystem gegenüber. Ob diese Gemengelage tatsächlich zwei unterschiedliche Architekturen hervorbrachte, untersucht nun, vierzehn Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung, erstmals eine Ausstellung des Instituts für Auslandsbeziehungen (ifa). Die ausschließlich mit Schwarz-Weiß- Fotografien, reproduzierten Plänen und neu gefertigten Holzmodellen bestückte Schau wird später, wie beim ifa üblich, auf internationale Wanderschaft gehen und neben der rein fachlichen Aussage auch belegen, dass die Deutschen offensichtlich den kritischen Umgang mit ihrer (Bau-)Geschichte pflegen. Dass die von Hartmut Frank (Hamburg) und Simone Hain (Berlin) kuratierte Schau in Kooperation mit der »Föderation deutscher Architektursammlungen« entstand, daran scheinen Planschränken ähnliche Schubladen zu er- innern, die den Besuchern ergänzend zu den Modellen und Wandtafeln weiteres Bild- und Planmaterial anbieten.

Die übersichtliche, gut gestaltete Ausstellung ist nicht chronologisch, sondern in sechs große Themen gegliedert, die jeweils paritätisch Ost-West besetzt sind: Staat, Kultur und Glauben, Wohnen und Freizeit, Bildung und Ausbildung, Wirtschaft und Verkehr sowie Architekturdiskurse.
Das eindrucksvolle Bildmaterial und der hervorragend bebilderte Katalog erwecken den Anschein, als seien sich die beiden Systeme in ihren architektonischen Spitzenleistungen teilweise sehr nahe gekommen. Die Fülle und Suggestionskraft der Bilder verdeckt jedoch zuweilen den notwendigen analytischen Blick auf eine abgeschlossene historische Epoche, und die begleitenden Texte greifen für Laien zu kurz und sind nicht frei von versteckten Verdikten. Von daher kann von einer wertfreien Offenlegung unbekannten Materials kaum die Rede sein. Hans Scharouns Stuttgarter Wohnhochhäuser »Romeo und Julia«, eines der ersten Experimente mit Wohneigentum im Turmhaus, oder Hermann Henselmanns Berliner »Hochhaus an der Weberwiese«, ein ausgewiesener Solitär mit Wohnungen nicht für Familie Jedermann in der DDR, sind unabhängig von ihrer diametral entgegengesetzten Architektur untaugliche Beispiele, um in die Rubrik »Massenwohnungsbau« aufgenommen zu werden.
Getrennten Linien folgte die Erinnerungskultur beider Staaten, und das drückt sich baulich aus. Die Gedenkstätte in Buchenwald ist von monumentalem Pathos, die Versöhnungskirche in Dachau dagegen von kryptischer Unaufdringlichkeit. Andere Themenfelder wie der Einfamilienhaus- oder der Kirchenbau lassen sich gleichberechtigt einfach nicht überzeugend besetzen, weil hier die gesellschaftlichen Grundvoraussetzungen doch zu unterschiedlich sind. Auch »kritische Rekonstruktionen« sind eher ein intellektuelles Nischenprodukt des materiell reicheren Westens. Aber viele andere Aufgaben der Architektur weisen eine erstaunliche Kongruenz der Form, des Details und der Qualität zwischen Ost und West auf. Es gibt anscheinend systemübergreifende Strömungen in der Baukunst, die weder nationale noch politische Grenzen beachten, und es gab darin offenbar eine spezifisch deutsche Unterströmung, die sich auch nach vierzigjähriger Trennung grundsätzlich in dieselbe Richtung bewegt hat. Ulrich Höhns
Bis 29. August im Kunsthaus Hamburg, Klosterwall 15, Di – So 11 – 18 Uhr. www.ifa.de. Katalog bei Hatje/Cantz, 25 Euro