Zerstörung der Gemütlichkeit? (weil am rhein)

Beginnend mit der Dokumentation der 1901 auf der Mathildenhöhe in Darmstadt gezeigten Ausstellung »Ein Dokument deutscher Kunst«, präsentiert das Vitra Design Museum die Entwicklung von Wohnvisionen anhand von Wohn- und Designausstellungen aus neun Jahrzehnten. Aus der beträchtlichen Zahl programmatischer Ausstellungen zu diesem Thema wurden 16 ausgewählt; und so folgen auf die Mathildenhöhen-Präsentation unter anderem die Kunstschau von 1908 in Wien, der Wohnmöbelwettbewerb am MoMA in New York von 1941, die Ausstellung »For Modern Living« von 1949 in Detroit und natürlich die im Auftrag des Schweizerischen Werkbunds entstandene Schau Max Bills »Die gute Form«, die, ebenfalls 1949, während der Mustermesse Basel gezeigt wurde. Anschließend reiste sie für weitere drei Jahre durch die Schweiz, Österreich, Deutschland und die Niederlande und es entstand die Auszeichnung »Gute Form«, die noch bis 1969 für Schweizer Produkte verliehen wurde. Auf ähnliche Weise etablierte das MoMA mit einer Reihe von Ausstellungen Anfang der fünfziger Jahre in den USA den Begriff des »Good Design«. Ein Etikett, mit dem sich Hersteller gerne schmückten. Auch das skandinavische Design erlangte in den Fünfzigern immer mehr Beachtung: In Europa war es die Mailänder Triennale, die das Designgeschehen Skandinaviens mit verschiedenen Ausstellungen begleitete, in den USA und Kanada war es die Wanderausstellung »Design in Scandinavia«, die das handwerklich hochwertige Design dieser Länder bekannt machte.

Auf das eher nüchterne Design der fünfziger folgten die opulenten sechziger und siebziger Jahre: Wohnwelten, bei denen Innenarchitektur und Möbel zu einer Einheit verschmolzen und die klassische Teilung des Raums in Boden, Wände und Decken aufgelöst war. Präsentiert wurden diese Wohnideen u. a. 1968 bis 1970 vom Chemieunternehmen Bayer am Rande der Kölner Möbelmesse. Als Ausstellungsort, den die Designer Verner Panton und Joe Colombo nacheinander bespielten, wurde ausgerechnet ein rheinischer Ausflugsdampfer – Inbegriff angestaubter Gemütlichkeit – gewählt. In Weil am Rhein können die Besucher die Inszenierungen von damals auf dem Rücken liegend auf hängenden Monitoren nachvollziehen.
Die Achtziger begannen mit dem »Memphisknall« wiederum bunt. Auf der Mailänder Möbelmesse hatte die Gruppe ihren ersten Auftritt und sorgte sogleich für außerordentlichen Medienrummel. Edle Materialien wurden ungeniert mit billigem Kitsch kombiniert und großflächig mit farbenfrohen Mustern überzogen: Das Ornament war zurückgekehrt. Wenngleich die Resonanz enorm war, verkauft haben sich die Möbel kaum.
Aufgrund des Wegfalls allgemeingültiger Gestaltungsrichtlinien begann die Designszene Mitte der achtziger Jahre unübersichtlicher zu werden und auch die Wohnausstellungen nahmen ab. Mit »Design heute« wagte das DAM 1986 allerdings noch einmal eine gut besuchte Ausstellung zum Thema. »Some New Items for the Home« (1988 in der DAAD-Galerie in Berlin) und »Droog-Design« (1993 auf der Mailänder Möbelmesse) folgten.
Mit diesen wichtigen Ausstellungen aus jüngerer Zeit endet dann auch der chronologisch aufgebaute Museumsrundgang durch fast ein Jahrhundert der Möbelgeschichte, des Wohnens und der Wohnausstellungen Westeuropas und Nordamerikas. Und auch wenn die Art der Präsentation des Themas zunächst etwas überrascht, vielleicht sogar enttäuscht, letztendlich überzeugt sie doch: Das Ausstellungslayout rekonstruiert die jeweiligen Wohnausstellungen nicht, sondern bildet aus verschiedenen Bausteinen wie Fotos, Broschüren, Plakaten, Modellen, Kunstobjekten, Möbeln und Leuchten eigene Inszenierungen. Eine rhythmische Ausstellungsarchitektur aus treppenartig angeordneten Konsolen zeichnet die Wände des Museums nach. Auf diesen und auf zusätzlichen Raumpodesten sind die Möbel und Leuchten von Florence Knoll, Charles und Ray Eames, Eero Saarinen, Ron Arad und Jasper Morrison wie in einem riesigen Setzkasten arrangiert.
Ab Juni wird die Ausstellung übrigens noch eine Fortsetzung haben: Unter dem Titel »Home Stories« werden Designer und Architekten ihre Zukunftsperspektiven zum Thema Wohnen präsentieren. ~uk
Bis 28. Mai. Vitra Design Museum, Charles- Eames-Str. 1, Mo–So 10–18, Mi 10–20 Uhr, die Begleitbroschüre kostet 4,50 Euro. www.design-museum.de