Wenzel_Hablik,_Freitragende_Kuppel,_1919,_Aquarell,_Farbstift,_Bleistift,_64,9_x_50_cm_©_Wenzel-Hablik-Stiftung,Itzehoe
Expressionistische Utopien. Malerei, Zeichnung, Architektur

Wenzel Hablik (Berlin)

~Oliver G. Hamm

Was für ein Farben- und Formenrausch! Was für ein ausdrucksstarkes Gesamtwerk! Und vor allem: Was für eine Wiederentdeckung! Zwar ist Wenzel Hablik (1881-1934) bereits seit 1995 im schleswig-holsteinischen Itzehoe ein eigenes Museum gewidmet, aber erst die aktuelle Berliner Ausstellung auf fast 1 000 m² Quadratmetern vermag dem Gestaltungskosmos des Universalkünstlers den notwendigen Raum zu geben, um das vielfältige Gesamtwerk angemessen würdigen zu können. Mit Hablik ehrt der Martin-Gropius-Bau einen wichtigen Protagonisten expressionistischer Architekturutopien und Malerei, aber auch einen außergewöhnlichen Innenarchitekten und Designer – im Rahmen der Ausstellungsreihe »Wiederentdeckte Moderne«, die mit einer Retrospektive des Werks von Friedrich Kiesler eröffnet worden war (s. db 05/2017, S 68-69). Das Wenzel-Hablik-Museum besitzt u. a. rund 8 000 Handzeichnungen und etwa 250 Ölgemälde. Neben 90 Zeichnungen, 60 Druckgrafiken und 50 Ölgemälden sind im Martin-Gropius-Bau auch rund 40 Designobjekte, zahlreiche Fotografien und schriftliche Dokumente zu sehen. Im Mittelpunkt stehen dabei Habliks utopische Architekturentwürfe, an denen er gut zwei Jahrzehnte lang arbeitete, sowie sein innenarchitektonisches Werk, das sich ausschließlich in Itzehoe und Umgebung entfaltete. In die Mittelstadt nördlich von Hamburg war der Künstler 1907 auf Einladung eines örtlichen Unternehmers gelangt – und dort blieb er bis zu seinem frühen Tod infolge einer Krebserkrankung. Doch der im westböhmischen Brüx (heute Most in Tschechien) geborene und aufgewachsene Hablik, der nach einer Tischlerlehre an einer Fachschule für Tonindustrie im heutigen Teplice, anschließend an der Kunstgewerbeschule in Wien und an der Akademie der Bildenden Künste in Prag studiert hatte, stand in regem Austausch mit bedeutenden Architekten und Künstlern – insbesondere in Berlin, wo seine Arbeiten mehrfach in Herwarth Waldens Galerie »Der Sturm« ausgestellt wurden. Sein Werk war zeitlebens stark von der Natur inspiriert, wovon gleich im ersten Ausstellungsraum eine von Hablik selbst angefertigte Vitrine mit einem Teil seiner Kristall- und Muschelsammlung zeugt – ebenso wie die zahlreichen, ab 1903 gezeichneten Kristallbauten. Geprägt hat Hablik vor allem der Wismutkristall mit seiner mäanderförmigen Struktur, die er in vielen Textil- und Innenraumentwürfen aufgriff – auch im farbigen Raumkonzept für das Esszimmer des Hauses Talstraße 14 in Itzehoe, das er nach der Heirat mit der Webmeisterin Elisabeth Lindemann bezogen hatte und das in Berlin als 1:1-Nachbau zu erleben ist (das Original, das 80 Jahre lang unter Tapeten verborgen war, konnte 2013 freigelegt werden).

In einer weiteren Vitrine sind Reproduktionen von Werken aller Mitglieder der »Gläsernen Kette« zu sehen, deren mit großem Abstand produktivstes Hablik mit 26 Arbeiten war. Zur Zeit seiner Mitgliedschaft wandte er sich aber schon wesentlich rationaleren Architekturformen zu (»Vielfamilienwohnhaus«, 1919). Nach seinem letzten Zyklus utopischer Entwürfe (»Architektur«, 1925) konzentrierte er sich dann ganz auf die Innenarchitektur und das Kunsthandwerk. In Berlin ist er außerdem als Schöpfer expressiver, oft großformatiger und in vielen Farben schillernder Ölgemälde zu entdecken, die von seiner Ehrfurcht vor den Naturgewalten künden.

Bis 14. Januar 2018. Wenzel Hablik – Expressionistische Utopien. Malerei, Zeichnung, Architektur. Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstraße 7, 10963 Berlin, Mi-Mo 10-19 Uhr, Katalog: 25 Euro, Buchhandelsausgabe: 49,95 Euro, Prestel Verlag, www.gropiusbau.de