M. Korshew
Abstrakte Aufgabe zur Ermittlung von Masse und Gewicht, 1921
© Staatliches Schtschussew Museum für Architektur Moskau
Papier, Tusche, Aquarell
M. Korzhev
Abstractive exercise to detect the mass and weight, 1921
© The Schusev State Museum of Archi-tecture Moscow
Paper, ink, watercolor

WChUTEMAS (Berlin)

Es sollte ein Sprung in eine bessere Welt werden. Nichts weniger als »Wunder« sollten geschaffen werden, ja, ein neuer Mensch. Kathedralen der Völkerverständigung oder gar fliegende Städte wurden entworfen. An der 1920 in Moskau gegründeten Hochschule WChUTEMAS wurde eine neue Generation Architekten ausgebildet, die für die noch junge Sowjetunion planen und bauen sollte. Im Martin-Gropius-Bau in Berlin wird die wenig bekannte Architekturschule der russischen Avantgarde in der großen Schau »WChUTEMAS – Ein russisches Labor der Moderne. Architekturentwürfe 1920-30« nun vorgestellt und beleuchtet. Zu sehen sind v. a. Arbeiten auf Papier: viele abstrakte Kompositionen des Grundlagenstudiums, aber auch Pläne für mehr oder weniger konkrete Bauvorhaben sowie Entwürfe für Utopien. Umgesetzt wurden leider nur sehr wenige der faszinierend hochfliegenden Ideen. Die Lehrer der »Höheren Künstlerisch-Technischen Werkstätten« unterrichteten an acht Fakultäten mehrere Tausend Studenten in Vorkursen und anschließenden Studiengängen. Die Architektur sollte als »synthetische Kunst« die verschiedenen Disziplinen vereinen und dabei wissenschaftlichen Gesetzmäßigkeiten folgen. Doch die Schule mit ihren vielen unterschiedlichen Werkstätten, die von Künstlern und Architekten wie El Lissitzky, Naum Gabo, Alexej Schtschussew, Konstantin Melnikow oder Alexander Wesnin geleitet wurden, vertrat keine einheitliche Bewegung, sondern sehr unterschiedliche Ansätze. Daher scheint der Pluralismus der einzige »Ismus« zu sein, der sich an der WChUTEMAS durchsetzte. Während die »Werkstatt des Neuen« einen »Rationalismus mit einer psychoanalytischen Methode« vertrat, verfolgten die übrigen Werkstätten mit so schönen Namen wie »Symbolische Romantik« oder »Lebendige Klassik« ganz andere Ziele. Unter den Studienarbeiten finden sich in der Ausstellung akademische Zeichnungen von historischen Gebäuden neben technischen Entwürfen. Grundlagenprojekte und Arbeiten von Studenten aus dem Hauptstudium sind durch avantgardistische Zeichnungen für einen Palast der Arbeit vertreten, ein Hochhaus als Denkmal für Christoph Kolumbus oder einen Wolkenkratzer für den Obersten Sowjet. Die Entwürfe von Lehrern und Schülern beeindrucken durch ihre Formenvielfalt, Expressivität und den Zukunftsoptimismus. Ein kleiner Film von Sergej Eisenstein bringt es auf den Punkt: Ärmlich gekleidete Bauern, wie aus einem anderen Jahrhundert, bringen ihre Kühe in die strahlend weiße, an ein Labor erinnernde moderne Molkerei – die aber nur für den Propagandafilm errichtet wurde. Die Umsetzung der meisten Entwürfe scheiterte an den begrenzten technischen und finanziellen Mitteln der frühen Sowjetunion. Und an den politischen Verhältnissen: 1930 wurde die Schule geschlossen und die protzige, historistische Architektur der Stalinzeit dominierte von da an die Städte. So verwundert es nicht, dass diese Arbeiten erst seit ca. 15 Jahren gesammelt werden, wie die Kuratorin der Ausstellung, Irina Chepkunova vom Staatlichen Schtschussew Museum für Architektur in Moskau, erklärt. Dabei lohnt es sich allemal, die weitgehend unbekannte Kunst- und Architekturschule zu entdecken.
~Ralf Wollheim
Bis 6. April. WChUTEMAS – Ein russisches Labor der Moderne. Architekturentwürfe 1920-1930. Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstraße 7, 10963 Berlin, Mi-Mo 10-19 Uhr, www.berlinerfestspiele.de