Duitsland,_Berlijn,_17.9.2007_Deutschland,_Germany,_Berlin_Mitte._Bauzaun_mit_Transparent._"nothing_to_see_here".__Foto:_Erik-Jan_Ouwerkerk
Nothing to see here, Berlin, 2007, Foto © Erik-Jan Ouwerkerk
Ausstellung bis 22. November 2020

urbainable – stadthaltig. Positionen zur Europäischen Stadt für das 21. Jahrhundert

Rezension: Jürgen Tietz .

Tausche Katalogtexte gegen Ausstellung. Begierig lehne ich mich zurück und lese die wunderbaren kurzen Prosastücke von Jenny Erpenbeck, die im Katalog »urbainable-stadthaltig« der Berliner Akademie der Künste versammelt sind. Nicht, dass die Ausstellung zu »Positionen zur Europäischen Stadt für das 21. Jahrhundert« uninteressant wäre. Sie ist so interessant wie die Selbstdarstellung von Akademiemitgliedern der Sektion Baukunst zur europäischen Stadt halt sein kann, die in kleinen gerasterten Kojen ihre Botschaften formulieren dürfen. Die einen hängen zauberhafte Modelle aus sogenanntem besonderem Gradientenbeton auf (Barkow/Leibinger mit Werner Sobek), die anderen entwickeln Visionen über diezur Zukunft von Stadt und Holzbau (Sauerbruch Hutton), berichten in einem Video – wie stets mit erhobener Stimme – kämpferisch über eine andere Bodenpolitik (Arno Brandlhuber+ mit Olaf Grawert, Christopher Roth) oder schauen ein wenig selbstverliebt auf die Bedeutung des eigenen Tuns vor vielen Jahren zurück (Thomas Herzog, Karla Kowalski, Helmut C. Schulitz). Ein bisschen wirkt die umfangreiche Ausstellung wie der Gang über den Wochenmarkt. Manch Verlockendes ist zu sehen, aber kochen muss man am Ende selbst. Ansonsten gibt’s baukulturelle Trennkost. Reicht das wirklich für eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem Phänomen (europäische) Stadt? Auf historische Einbettung wird leider ebenso verzichtet wie auf eine kontextuelle Interaktion zwischen den Beiträgen. Wie schade!
Analytische Zusammenklänge mit sinnlicher Dimension bietet die von Kurator Tim Rieniets mit seinem Hannoveraner Lehrstuhl entwickelte Installation zum Auftakt der Ausstellung. Dort verschränken sich Fragen und Fakten zur Stadt und deren Wert(en), über die man gerne sofort intensiv diskutieren würde. Vor den Skizzen, Tabellen und kurzen Texten auf der Rückwand hängen eindrückliche Fotografien von Erik-Jan Ouwerkerk. So entsteht eine Art »Doppelbelichtung«, die in Zusammenklang mit Erpenbecks Prosa mehr und Sinnlicheres über städtische Gegenwart und Zukunft zu sagen hat als die allerschönsten Fototapeten, Architekturmodelle und Computersimulationen der Akademiemitglieder, die im Anschluss folgen.

Bis 22. November. urbainable – stadthaltig. Positionen zur europäischen Stadt für das 21. Jahrhundert. Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, 10557 Berlin, Di-So 11-19 Uhr, Ausstellungskatalog und Begleitprogramm.
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