UNSICHTBARE SCHATTEN (HERFORD)

~Hartmut Möller

Wirtschaftskrisen, Umweltkatastrophen, Kriegsszenarien. Die Liste der Schauernachrichten, mit denen wir beinahe täglich in den Medien konfrontiert werden, ist lang. Mangelnde politische Lösungsansätze für die Komplexität weltumspannender Probleme führen in der Bevölkerung daher verstärkt zu Lethargie, Frust und Zukunftsängsten.
Wie sich die Kunst mit den schwer fassbaren Veränderungen unserer Zeit auseinandersetzt zeigt die umfangreiche Gruppenausstellung, in der sich 47 Künstler dem Thema von scheinbar heiter-verspielt über sinnlich-verführerisch, irritierend oder effekt-haschend bis unterschwellig aggressiv nähern. Die beiden silbernen Nissan – vermeintliche Falschparker vor dem Gebäude – entpuppen sich als Alicja Kwades »Parallelwelt 1+2«. Neben den gleichen Beulen an identischen Stellen der Karosserie ist auch ihr jeweiliges Interieur mit verstreuten Gegenständen exakt gleich gestaltet. Martin Creeds blinkender Schriftzug »DON’T WORRY« im Museum löst gerade ein gewisses Unbehagen über das zu Erwartende aus und der zunächst samten wirkende Vorhang »Welcome, Welcome« von Navid Nuur im Entrée besteht aus Schleifpapierstreifen, daher ist den Trägern feiner Kleidung besondere Vorsicht empfohlen.
Im Folgenden erwarten den Besucher Bilder und Objekte der Verunsicherung. Obwohl viele der präsentierten Werke durch ihre naturalistische Darstellung vorerst wirken als seien sie eindeutig zu definieren, hinterlassen sie auf den zweiten Blick ein Gefühl der Beklommenheit. Das 18 m lange, in Zacken zerklüftete Gebilde »Schatten 2« hängt bedrohlich unter der Decke. Es wurde von Sonja Vordermaier mit einem Samuraischwert aus einem Schaumstoffblock geschnitten. Nebenan rattert Kris Martins Anzeigetafel unaufhörlich, aber ihre Einzelfelder bleiben stets schwarz – die erhoffte neue Information bleibt aus. Eine Dartscheibe mit verschobenem Mittelpunkt verwirrt ebenso, wie das Heer von tanzenden Porzellanfiguren, die wie vom Wahnsinn gepackt in die Luft stieren (s. Abb.); ein zerstörtes Urinal erinnert an Marcel Duchamps Readymade »Fountain«. Die architektonisch anmutende »Universal Expo Plattform« von Jörn Stahlschmidt ist schwer in ihren Proportionen zu fassen. Unklar bleibt auch, ob die begehbare, enge Struktur einst einem gestürzten Denkmal als Sockel diente oder erst in Zukunft dafür vorgesehen ist. Alexandra Ranners großformatiges Foto der dreiteiligen Installation »Silencio Súbito« erinnert zwar an eine rauschende Meersicht, tatsächlich aber handelt es sich bei näherer Betrachtung lediglich um wogende Plastikfolie. In Óscar Muñoz’ Kurzfilm »Proyecto para un Memorial« zerfließt eine Flüssigkeit durch die Finger einer Hand, ein sich darin spiegelndes Gesicht zerrinnt dabei gleichsam. Was könnte verstörender sein, als das Wissen um die Vergänglichkeit?
Jedem Saal ist eine Zeitkapsel – ein mit weißen Laken abgeschlossenes Kabinett – zugeordnet: Arbeiten u.a. von Max Klinger, Paul Klee und Gerhard Richter stehen thematisch oder visuell in Bezug mit den umliegenden Exponaten und offenbaren die Auseinandersetzung der Kunst bereits mit früheren gesellschaftlichen Umwälzungen.
»Bammel« muss selbstverständlich niemand haben. Der künstlerische Leiter Roland Nachtigäller und sein kuratorisches Team zeichnen mit der Schau kein düsteres Zeitpanorama. Das Potpourri von Kuriositäten der Gegenwartskunst verweist vielmehr augenzwinkernd auf einen optimistischen Weg zur Verarbeitung von Krisen.
Bis 7. November. Unsichtbare Schatten – Bilder der Verunsicherung. MARTa Herford, Goebenstraße 4-10, Di-So und an Feiertagen 11-18, jeden 1. Mi im Monat 11-21 Uhr, www.marta-herford.de