Terragni Architetto Europeo (Como)

In Giedions »Space, Time and Architecture« waren die Bauten des Faschisten Guiseppe Terragni nicht vertreten. Wenn nun die Ausstellung zum hundertsten Geburtstag des Architekten »The first architect of time« heißt, kann man das wohl als trotziges Statement seiner Heimatstadt verstehen. Heikle politische Fragen klammern die Kuratoren denn auch weit gehend aus: Der Zweite Weltkrieg erscheint als eine Art Naturkatastrophe und der »Meister« wird als »feinfühliger und moralischer« Mensch verklärt, der selbst die Feuerpausen der Russland-Offensive dazu nutzte, Blumen zu aquarellieren. Die Ausstellungsarchitektur spiegelt die Transparenz seiner Bauten: Gläserne Raumteiler und schwarz-reflektierende Flächen an Boden und Decke machen aus der ehemaligen Kirche ein Spiegelkabinett, in dem viele Zeichnungen, Dokumente, Fotos und Modelle zu sehen sind. Manche der 13 Terragni-Gebäude in Como sind zum Jubiläum zu besichtigen, allen voran die beiden Highlights: der Kindergarten Sant’Elia (1937) und die Casa del Fascio (1936), bis vor kurzem noch schamhaft mit Casa Terragni angeschrieben. Auf dem Platz davor steht seit Mitte Juli eine Installation des Amerikaners Dan Graham, ein betretbares temporäres Geviert aus leicht verspiegelten Glaswänden. Zwei davon reflektieren das Gebäude Terragnis und dessen Nachbargebäude, die beiden anderen, konkav gebogenen Gläser spiegeln den dichten Verkehr und die Personen auf dem Platz – der halbe Kubus gerät in Bewegung, verzerrt und verdreht die Menschen und Autos, ist »Half Square/Half Crazy«, wie Graham seine Arbeit nennt. Eine solche irritierende Verschiebung der Optik hätte man sich auch von der Ausstellung gewünscht. Axel Simon

Bis 17. April in der Chiesa San Francesco, Di – Fr 15 – 21, Sa+So 10 – 22 Uhr, www.gt04.org, Katalog in Vorbereitung