Spurensuche in Brasilien (Innsbruck)

~Gretl Köfler

Auf der Suche nach der brasilianischen Architekturvielfalt jenseits von Oscar Niemeyer durchstreifte der Tiroler Architekturfotograf Günter R. Wett einen regnerischen Herbstmonat lang São Paulo und Salvador da Bahia. Er sammelte architektonische Eindrücke von drei Zeitgenossen: João Batista Vilanova Artigas (1915–85), Lina Bò Bardi (1914–92) und Pritzker-Preisträger Paulo Mendes da Rocha (geb. 1928). Alle drei Architekten waren Protagonisten der kargen, eigenständigen »Escola Paulista«, die sich Mitte der fünfziger Jahre vom dominierenden »internationalen Stil« abgesetzt hatte. Als Mitglieder oder zumindest Sympathisanten der Kommunistischen Partei war ihnen Bauen soziale Verpflichtung und ethische Haltung. Sie entwarfen Gebäude für die Allgemeinheit: Museen, Schulen, Kindergärten, Servicecenter und wollten daraus einen Mehrwert für die Stadt und ihre Nutzer generieren. Nach dem Militärputsch von 1964 verloren alle drei für zwanzig Jahre staatliche Aufträge und berufliche Positionen.
Angepasst an das warme Klima und die Lebensgewohnheiten der Menschen setzen sie bei ihren Bauten auf ein raffiniertes Spiel von Drinnen und Draußen. Sonneneinstrahlung und Windrichtung werden zu entwurfsbestimmenden Elementen; massive Stützpfeiler und Rampen schaffen freie Eingangszonen, Orte des Übergangs. Die geometrischen, scharfkantigen Hüllen aus rohem Sichtbeton bestechen durch kraftvolle Plastizität und klare, ausgewogene Proportionen. Dachplatten mit großer Spannweite, meist aus vorgespanntem Beton, bringen die Baukörper gleichsam zum Schweben über modelliertem Terrain. Für die Realisierung großer öffentlicher Bauten aus Stahlbeton waren sowohl das Material als auch das notwendige Know-how und billige Arbeitskräfte vor Ort verfügbar.
Seit Mitte der fünfziger Jahre ist São Paulo ein Ort höchst interessanter und zum Teil außer Kontrolle geratener urbaner Entwicklungen. Bodenspekulation und fehlende Stadtplanung führten zu krassen Gegensätzen; Favelas, monotone Wohnhochhausbauten und festungsartige Privilegiertenghettos breiten sich rund um die verwüstete Innenstadt aus. Der öffentliche Raum wird durch die Kriminalität für den Bürger in zunehmendem Maße eingeschränkt. Zwar haben die Bauten der »Escola Paulista« nichts von ihrer architektonischen und sozialen Kompetenz verloren, doch die offenen Räume werden zunehmend von Sicherheitszäunen und Securitypersonal dominiert, einige Gebäude, wie die Architekturfakultät von Artigas, verwahrlosen, andere wurden mit wenig Feingefühl verändert. Dem Fotografen schien die »kommunistische Idee ein verblassender Geist, eine verwelkende, sterbende Idee vom Zahn der Zeit angenagt«. – Und das stellt er in seinen Fotografien eindrücklich dar. Aus seiner reichen fotografischen Ausbeute hat er 16 Projekte ausgewählt und präsentiert sie, sorgsam gestaltet, teils hängend teils in Vitrinen – machmal leider etwas beengt – im aut. Es lohnt sich hinzugehen, denn die Bauten sind Erinnerungszeichen an eine historische Epoche mit unbändigem Zukunftsglauben.
Bis 11. April. aut. architektur und tirol im Adambräu, Lois Welzenbacher Platz 1, Di–Fr 11–18, Do bis 21, Sa bis 17 Uhr. www.aut.cc